Mannheimer Bachchor zum 100jährigen mit Helmer-Uraufführung in der Christuskirche

Einhundert Jahre ist der Mannheimer Bachchor, hat in dieser Zeit mit sechs Kantoren gearbeitet, hat seinen guten Ruf als herausragender Konzertchor stets bewahrt und mehren können. 1914 wurde der Bachchor vom Organisten der drei Jahre zuvor eingeweihten Christuskirche, Arno Landmann, ins Leben gerufen und entwickelte sich früh schon zu einem der großen Oratorienchöre Deutschlands. Von Anfang an standen die Werke von Namensgeber Bach im Mittelpunkt des sängerischen Engagements. Neben der Pflege der geistlichen Chormusik Bachs traten die Leiter des Bachchores immer wieder für zeitgenössische Musik ein. Das ist bis heute so geblieben. Im Jubiläumsjahr kommen bekanntlich drei Auftragskompositionen zur Uraufführung. Beim großen Jubiläumskonzert des Bachchors in der Christuskirche wurde mit Benjamin Helmers „Te Deum Splitter“ ein höchst beeindruckendes Werk aus der Taufe gehoben.
Der Werktitel deutet es schon an: der junge Komponist beleuchtet die Zerrissenheit, welche die Welt im Innersten zusammenhält. Gotteslob gehört ebenso dazu wie Zweifel und Klagen, die Unruhe der Seele kommt packend zu Wort. Dabei hat Helmer Texte von dem Theologen Peter Klemm, seinem Großvater, vertont. Das Werk stellt Fragen, reflektiert des Menschen Suche nach seinem Sinn und Ursprung. In diesem Fragen und Zweifeln, Ringen nach Wahrheit, zeigt sich Benjamin Helmer als Geistesverwandter von Bernd-Alois Zimmermann, an dessen existenzialistische große Chorwerke dieses neue Werk nicht selten auch klanglich und gestisch erinnert. Ähnlich wie Zimmermann vereint Helmers Werk den nach innen gerichteten Blick mit einer Klangsprache von großer visionärer Kraft. Ein meisterliches Werk von tiefem Ernst und großer Reife war zu erleben. Eine geheimnisvolle Aura beschwören die ruhig gespannten, stehenden Chorklänge des Beginns, die bisweilen mikrotonal und doch wohlgetönt einherfluten. Vagierende, glissandierende Töne, skandierte Worte des Chores eröffnen eine Klangsprache, welche die Zerrissenheit und Sinnsuche schon allein klanglich verwirklicht. Choralartige Einhalte verwendet der Komponist neben einer facettenreichen Silbenbehandlung und fantasiereicher Klanggewinnung aus Konsonanten. Sehr luzide, fein und präzise gestaltet ist das Vielschichtige der Partitur, im Chor- wie im Orchesterpart. Neben den avancierten Feinheiten, vielgestaltig raunenden und rumorenden, blinkenden und gleißenden Klängen ließ die Sinfonietta Mannheim bedrohliche, unheimliche Cluster anwachsen, welche das Existenzielle des Werkes jederzeit spüren ließen.
Eine bestens vorbereitete Uraufführung konnte man dabei unter Leitung von KMD Johannes Michel erleben: hochkonzentriert und mit großem Engagement bewältigte der Bachchor die schwierige Partitur, die polyphonen Schichtungen aus geflüsterten, gezischten und gesungenen Klängen. Prophetische Kraft gab der Bariton Matthias Horn seinem gesprochenen und gesungenen Solopart, nicht minder eindringlich und klangintensiv sang Iris Kupke die Sopransoli.
Mendelssohn-Bartholdys "Lobgesang" erklang zum Abschluss. Schwungvoll flammend musizierte die Sinfonietta Mannheim, gab dem Werk hymnische Kraft ebenso wie der bestens präparierte Bachchor, der reich an Abstufungen zwischen Innigkeit und aufglühender Triumphalität sang. Wunderbar blühende, schmiegsame Lyrik brachte der Tenor Martin Erhard in seine Arien. Farbenreich glühend sang Iris Kupke, ergänzte sich bestens mit der zweiten Sopranistin Julia Weigel, deren Duett schönste Betörung bot.

Rainer Köhl

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