Ein starkes Signal für die Zukunft:
Jubiläums-Landeskirchengesangstag 2005 in Karlsruhe

Am ersten Juliwochenende trafen sich viele hundert Sängerinnen und Sänger aus ganz Baden in Karlsruhe, um das 125-jährige Bestehen des Landesverbandes evang. Kirchenchöre zu feiern. Höhepunkt war die Schlussveranstaltung am Sonntagnachmittag auf dem Schlossplatz.

Fast 3000 Sängerinnen und Sänger trafen sich nach den festlichen Gottesdiensten in verschiedenen Kirchen rund um das Schloss und formierten sich zu einem riesigen Chor. Die drei Landeskantoren Kord Michaelis, Johannes Matthias Michel und Carsten Klomp hatten sichtlich Spaß daran, diese große, farbenfrohe Menge zu dirigieren. Neben Bachchorälen und einem Doppelchor „Jauchzet dem Herrn“ erklangen auch moderne Sätze zu dem ökumenischen Lied „Wenn das Brot, das wir teilen“ und am Schluss der irische Segen „Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen“. Erstmals war es den Organisatoren gelungen, neben der Kirchenleitung, die durch Landesbischof Dr. Ulrich Fischer und Oberkirchenrat Dr. Michael Nüchtern vertreten war, auch die politische Führung einzuladen. Bemerkenswert war allerdings nicht nur, dass Ministerpräsident Günther Oettinger und Oberbürgermeister Heinz Fenrich gekommen waren, sondern auch was sie zu den Versammelten sagten.

Politik lobt die kirchenmusikalische Arbeit
Der baden-württembergische Ministerpräsident dankte allen ausdrücklich für die Arbeit in den Chören und betonte, dass nicht nur für die Kirchenmusik viel geleistet werde, sondern auch für die Gesellschaft allgemein. Am Schluss seiner Rede unterstrich er die Wichtigkeit des Singens mit Kindern und versprach seine Unterstützung für weitere Initiativen wie das „Bündnis für das Singen mit Kindern“. „Das Singen fördert nicht nur die geistige Entwicklung jedes Kindes, sondern stärkt auch seine soziale Kompetenz, deswegen müssen wir es fördern“ – solche Worte aus dem Mund eines Ministerpräsidenten freuten alle, die sich für diese Arbeit engagieren und gab neuen Mut für die nächsten Aufgaben. Auch der Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe, Heinz Fenrich, dankte den Kantoren und Chorleitern für ihre Arbeit und unterstrich, wie wichtig die Kirchenmusik für die Kultur der gesamten Stadt sei. Ausdrücklich erwähnte auch er die musikalische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und lobte hier stellvertretend die hervorragende Arbeit an der Lutherkirche in Karlsruhe. Landesbischof Ulrich Fischer wählte als Leitmotiv für seine Rede die Frage:

„Was haben der Landeskirchengesangstag und die Tour de France gemeinsam?“
„Beide erreichen Anfang Juli Karlsruhe“ spielte er auf das bevorstehende sportliche Großereignis an. „Nur als Mannschaft ist man erfolgreich, alleine Rad fahren ist Schinderei – und alleine singen macht höchstens unter der Dusche Spaß. Es gibt Gipfelpunkte und Etappenziele wie gelungene Konzerte, aber es gibt auch Talfahrten und Tiefpunkte, „wenn der letzte Tenor den Chor verlässt“. Der Landesbischof fand Mut machende Worte für die Sängerinnen und Sänger und zeigte sich überzeugt, dass das kirchliche Singen ein starkes Signal für die Zukunft der Kirche bleiben wird, wenn sich auch vielleicht die Formen des Singens und die Art der Chorgruppen weiterentwickeln.
Ergriffenheit machte sich breit, als am Ende alle gemeinsam den irischen Segen sangen – Ministerpräsident neben Landesbischof und Landeskantoren auf dem Schlossbalkon und die Tausende Choristen unten auf dem Platz.
Der Jubiläumskirchengesangstag hatte bereits am Freitag mit einem Festakt im Albert-Schweitzer-Saal und dem Eröffnungskonzert in der Stadtkirche begonnen. Der CoroPiccolo Karlsruhe hatte unter Leitung von Kantor Christian-Markus Raiser als Hauptwerk das bewegende Stück „The company of heaven“ von Benjamin Britten aufgeführt.
Einkäufer in der Fußgängerzone horchten auf
Die Gegend rund um die Stadtkirche blieb auch am Samstag das Zentrum der Feierlichkeiten.
Festliche Bläserklänge ließen die samstäglichen Einkäufer in der Fußgängerzone aufhorchen, als um 11 Uhr vor dem Rathaus die Eröffnung des Landeskirchengesangstages begann. Auch beim mitternächtlichen Turmblasen und bei der Schlussveranstaltung sorgten die Bläserinnen und Bläser für den festlichen Glanz, und der Dank des Kirchenchorverbandes gilt besonders den verantwortlichen Landesposaunenwarten Heiko Petersen und Armin Schäfer für diese Beiträge. Schon bei der Eröffnung sang eine große Menge von Sängerinnen und Sängern miteinander, um sich dann mit dem Vorsitzenden Gero Albert die Ausstellung „Stimmen für Gott“ über die Geschichte und Aktivität des Landesverbandes in der Krypta der Stadtkirche anzusehen. Eine Arbeitsgruppe unter Federführung des Ehrenobmanns Heinrich Riehm hatte in akribischer Kleinarbeit viele Dokumente zusammengetragen und ausgestellt – u.a. eine Sammlung sämtlicher Chorhefte, Bilder und Berichte von ehemaligen Landeskirchengesangstagen u.v.m.

„Ich will möglichst viel mitkriegen!“
Ab 14 Uhr wurde es dann bunt und vielfältig: Mosaik der Chorlandschaft stand auf dem Programm. In drei Kirchen gleichzeitig wechselte alle 30 Minuten das Programm. Jeder Kirchenbezirk der Landeskirche hatte einen Programmpunkt beigetragen, und man konnte nur so staunen, mit welchen Ideen und mit wieviel Einsatzfreude alle bei der Sache waren. Da wechselten Gospelklänge mit Blockflötenensembles, hier ein feuriger Brahms, dort ein meditativer Duruflé. Gut vorbereitete „klassische“ Kirchenchöre, kleine Auswahlensembles, große Bezirkschorprojekte bis hin zum Ensemble „B.A.C.H.-Street-Boys“ begeisterten die Zuhörenden. Die vier jungen Männer sorgten mit ihrer Persiflage von Instrumentalstücken, die sie auf Tonsilbe sangen, für eine überfüllte Kirche und Heiterkeit im Publikum.
25 verschiedene Konzertprogramme waren an diesem Nachmittag zu hören und das Publikum hatte die Qual der Wahl. Während manche gezielt nach bestimmten Gruppen oder Programmpunkten guckten, wechselten andere immer wieder die Kirchen, um möglichst viele Eindrücke zu gewinnen.
Lebendig und farbig ging es weiter bei der Nacht der Kantoreien und Gospelchöre – der qualitative Höhepunkt des Landeskirchengesangstages am Samstagabend in der Stadtkirche. 15 ausgewählte Chöre gestalteten den Abend im steten Wechsel zwischen oben und unten. Die Zuhörer staunten über die Leistungsfähigkeit der Gruppen und freuten sich besonders über den starken Eindruck, den die beteiligten Jugendchöre hinterließen: Achim Plagge mit seiner Eberbacher Jugendkantorei „Voices of heaven“ hatte den Abend gleich temperamentvoll eröffnet, und die Jugendchöre „skywalkers“ aus Lahr und „sing4u“ aus Karlsruhe standen dem in nichts nach. Es gab auch so manche Überraschung: selbst Moderator J.M. Michel meinte zur Melanchthonkantorei Mannheim: „Normalerweise singen sie gesetzte Werke – heute Abend hören wir sie mit einer Gospelmesse“.

Wer die Nacht der Katoreien und Gospelchöre miterlebt hat, dem ist nicht bange um die Zukunft des kirchlichen Singens

Zwischen den schwungvollen Gospel- und Popeinlagen erklangen klassische Chorwerke, in meisterhafter Qualität gesungen. Jedem einzelnen Ensemble hätte man gerne noch länger
zugehört, und so bedauerte man lediglich, dass man keine CD-Aufnahme von diesem tollen Konzertabend gemacht hatte. Als das Programm kurz nach Mitternacht mit „Yesterday“ ausklang, ertönten vom gegenüberliegenden Balkon des Rathauses festliche Bläserklänge. Prof. Reinhold Friedrich von der Musikhochschule mit seinen Schülern sorgte für italienische Sommernachtsstimmung auf dem Karlsruher Marktplatz.
Die Verantwortlichen hoffen, dass der Schwung und das Gemeinschaftsgefühl des Festwochenendes noch lange in die Chorarbeit vor Ort weiterwirkt und viele Sängerinnen und Sänger sich noch gerne erinnern: „Wir waren in Karlsruhe dabei!“

Susanne Moßmann

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