Mit Mozart auf der Krim:
Chorfahrt der Heidelberger Studentenkantorei

Nach Osteuropa begibt man sich am besten mit der Bahn: ca. 3000 km und 51 Stunden bis Heidelbergs Partnerstadt Simferopol über Budapest, die Karpaten, Lemberg und Kiew, auf einem Damm über das „Faule Meer“ zwischen dem ukrainischen Festland und der Halbinsel Krim. Mit heißem Tee aus dem Samowar schaut man auf die vorbeiziehende weite
Landschaft, man kommt ins Gespräch mit den Grenzbeamten, der strengen
Schlafwagenschaffnerin, den Mechanikern beim Umspuren der Waggons auf russische
Spurweite, den Frauen, die an den Bahnsteigen ihre hausgemachten Piroggen verkaufen, mit ukrainischen Mitreisenden im Waggon, dann allerdings mit Wodka.
Wer so reist, ist bei der Ankunft bereit für neue Eindrücke und Begegnungen. Auf die
Heidelberger Studentenkantorei und ihren Leiter Christoph Andreas Schäfer wartete in
Simferopol eine Probe mit dem Kammerchor der Krim und dem Kammerorchester
Simferopol zur gemeinsamen Erarbeitung von Mozarts Requiem. Dieses in Deutschland so häufig aufgeführte Werk war bisher auf der Krim noch nie im Konzert zu hören. Der
Kammerchor der Krim unter seinem Leiter Igor Michaelevski verfolgte deshalb seit Jahren das Projekt einer gemeinsamen Erarbeitung des Werkes mit dem Heidelberger Chor:
„Das Mozart-Requiem ist bei uns auf der Krim noch nie aufgeführt worden. Für unsere erste
Aufführung dieses berühmten Werkes der deutschen Kirchenmusik wünschen wir uns einen deutschen Chor, deutsche Solisten und einen deutschen Dirigenten.“ Die Kontakte zwischen der Heidelberger Studentenkantorei und dem Kammerchor der Krim bestehen seit 10 Jahren. 2008 war der Kammerchor nach Heidelberg gereist, um mit der Studentenkantorei in der
Heiliggeistkirche Verdis Requiem zu singen.
Beim nun gemeinsamen Projekt war es für Ausführende und Dirigent eine herausfordernde Aufgabe, zwei Chöre mit sehr unterschiedlichen Gesangstraditionen und ein Orchester, das seine ersten Erfahrungen mit Mozarts Musik machte, zu einem Ensemble zusammenwachsen zu lassen.
Es folgten gemeinsame Aufführungen des Requiems am 1.11.2012 in Sewastopol und am 2.11. in Yevpatoriya. Höhepunkt war das Konzert am 3.11. im Konzerthaus in Simferopol. Hier trafen die Studentenkantorei und Dr. Michael Hug, Stellvertretender Vorsitzender der Stadtsynode der Evangelischen Kirche Heidelberg, den Pfarrer der deutschen
Evangelisch-lutherischen Kirche auf der Krim, Markus Göring. Es war die erste Begegnung zwischen den Gemeinden der Partnerstädte.
Das Konzert begann mit Grußworten der Kulturministerin der Autonomen Republik Krim, Alena Plakida, von Dr. Michael Hug und von Ihor Leonidowytsch Ohorodnyk,
Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland. Die Grußworte betonten die Wichtigkeit lebendiger partnerstädtischer Beziehungen. Besonders die Musik könne jenseits der
Beschränkungen von Worten und über Sprachgrenzen hinweg Verständigung schaffen und zur gemeinsamen Sprache werden. Sie biete eine starke Grundlage für persönliche
Begegnungen und die gemeinsame Verwirklichung von Projekten. Direkte Zusammenarbeit und dabei der Austausch über offizielle Kontakte hinaus machten Partnerstadtbeziehungen erst lebendig.
Dass dies gerade zwischen Deutschen und Ukrainern keine Selbstverständlichkeit ist, wird Besuchern der Krim an vielen Orten deutlich, etwa in der Hafenstadt Sewastopol, die als wichtiger Flottenstützpunkt immer wieder in Kriegen belagert und zerstört wurde. 1941 bis 1942 belagerte die Deutsche Wehrmacht die Stadt und eroberte sie nach schweren Schlachten. Nur neun Häuser der Stadt waren danach noch unzerstört, von den 200000 Einwohnern
überlebte ein Sechstel. Die Rückeroberung der Krim durch die Rote Armee vom 8. April bis 12. Mai 1944 hinterließ über hunderttausend Tote, Vermisste und Kriegsgefangene auf
deutscher, eine vier- bis fünffache Anzahl auf sowjetischer Seite.
Der 2. Weltkrieg veränderte die Krim nachhaltig. Die Lage der Halbinsel im Schwarzen Meer an den Handelswegen zwischen Ost und West hatte der Krim großen kulturellen Reichtum gebracht. Skythen, Griechen, Genueser, Byzantiner, Tataren und schließlich Russen ließen sich im Laufe der Jahrhunderte hier nieder. In den Städten gab es Synagogen, karäische
Kenesen (die Karäer sind eine turksprachige Religionsgemeinschaft auf Grundlage der Thora, deren Ursprung historisch nicht völlig geklärt ist), Moscheen, orthodoxe und armenische
Kirchen. Die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten während der Besatzung und die Deportation zigtausender Krimtataren als vermeintliche Nazi-Kollaborateure nach Zentralasien unter den Sowjets stellte für die Krim einen tiefen Einschnitt dar. Erst seit dem Ende der 1980er Jahre dürfen die Nachkommen der deportierten Krimtataren wieder in ihre Heimat zurückkehren, wo sie seitdem versuchen, ihre Kultur wiederzubeleben.
Für die deutschen Kriegstoten stellte die Stadtverwaltung von Sewastopol 20 km südlich der Stadt ein fünf Hektar großes Gelände als Soldatenfriedhof zur Verfügung. Im September 2001 wurde die Kriegsgräberstätte Sewastopol-Gontscharnoje eingeweiht. Sie wird vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge unterhalten und gepflegt. Die Studentenkantorei traf hier Uwe Möller, Repräsentant des Volksbundes auf der Krim. Nach einer Einführung durch die
Verwalterin des Friedhofs, Tatjana Schakun, versammelte sich der Chor am zentralen
Hochkreuz des Friedhofs, legte Blumen nieder und sang das „Vater unser“ von Heinrich Schütz. Es sei das erste Mal, dass ein Chor hier gesungen habe, bedankte sich Uwe Möller.
Das stille Gelände des Friedhofs an einem Berghang inmitten eines Eichenwaldes umgeben von sanftem Hügelland spricht mit großer und tröstlicher Eindrücklichkeit von der
Versöhnungsarbeit seit dem Zweiten Weltkrieg. Diese Eindrücke begleiteten die Sänger der Studentenkantorei auf ihrer 51stündigen Rückreise über Kiew, Warschau und Berlin und klangen mit bei der Aufführung von Mozarts Requiem am 11. November 2012 in der
Heiliggeistkirche.
Die lebendigen Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Studentenkantorei und den
ukrainischen Partnern fanden schon am 3. Advent ihre Fortsetzung, als der Kammerchor der Krim für ein Konzert mit orthodoxer Kirchenmusik und ukrainischer Folklore in der
Heiliggeistkirche nach Heidelberg kam.

Dorothea Eberhardt

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