Himmelsklang und Erdentöne

In der Evangelischen Stadtkirche Karlsruhe fand die Veranstaltungsreihe „Himmelsklang - Musik und Transzendenz“ mit einer gelungenen und spannungsreichen Aufführung von Verdis Requiem mit dem Bachchor Karlsruhe, der Camerata 2000 und vorzüglichen Solisten unter der Leitung von Christian-Markus Raiser ihren krönenden Abschluss.
Diesem Konzert vorausgegangen war eine von der Evangelischen Akademie Baden, der Erwachsenenbildung Karlsruhe und der Evangelischen Stadtkirche veranstaltete Reihe von Gottesdiensten, Vorträgen, Konzerten und einer Ausstellung, die alle versuchten, etwas von dem zu vermitteln, oder zu ergründen, was in uns Menschen durch Musik bewirkt werden kann. Die Schirmherrschaft für dieses größte Gesamtprojekt in der evangelischen Landeskirche Baden zum „Jahr der Kirchenmusik“ der Evangelischen Kirche in Deutschland hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann inne.

Begonnen hatte die Reihe mit einem vom Bachchor Karlsruhe unter der Leitung von KMD Christian-Markus Raiser zusammen mit dem Waldstadt-Kammerorchester gestalteten Festgottesdienst mit anschließendem Empfang und Ausstellungseröffnung, bei dem die Bachkantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ zur Aufführung kam.

Solchermaßen aufgeweckt hatte das Karlsruher Publikum in den darauf folgenden fünf Wochen Gelegenheit, Musik verschiedenster Stilrichtungen, die sich aber immer mit dem Thema „Musik und Transzendenz“ beschäftigte, in weiteren Gottesdiensten unterschiedlichster Form und musikalischer Ausgestaltung und bei weiteren Konzerten auf sich wirken zu lassen:
Studierende der Karlsruher Musikhochschule gestalteten eine Soiree mit Chansons, Schlagern und Songs zum Thema Grenzüberschreitung;
Liedermacher Fritz Baltruweit stellte in den Liedern und Texten seines Konzertes den Raben als Symbol des die Begrenzung der Erdenschwere hinter sich lassenden, sich zur Freiheit des Himmels begebenden Wesens in den Mittelpunkt;
Christoph Georgii griff Melodien und Rhythmen aus Hugo Distlers „Totentanz“ auf und verarbeitete sie mit seinem Christoph Georgii-Quartett (Uwe Steinmetz, Saxophon - Ralf Schwarz, Bass - Simon Wunderlin, Schlagzeug - Christoph Georgii, Piano) zu einer elfsätzigen Jazz-Suite.

Die Idee einer „Klangcollage im Eröffnungskonzert, in der einzelnen Werke ohne Pause miteinander verbunden sind, so dass sie ein Ganzes bilden“ verfolgte Stadtkirchenkantor Christian-Markus Raiser dann in seinem Konzert „Raum - Klang – Stille“. In diesem wurden verschiedene Motetten von Rheinberger, Schönberg, Rautavaara, Mahler und Martin mit elektronischen Kompositionen des musikalischen Leiters des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Ludger Brümmer verknüpft. Die Idee hatte Hand und Fuß und gelang!
Denn, mag man auch über die Komposition „Inferno der Stille“ (eine elektronische Verfremdung des Introitus und Kyrie des Mozartschen Requiems) von Ludger Brümmer geteilter Meinung sein, im Zusammenhang mit den vom CoroPiccolo Karlsruhe dargebotenen Motetten, die sich alle mit Themen wie Tod, Jenseits, oder Engeln als Wesen einer anderen Welt beschäftigten, fügte sich Teil um Teil des Konzertprogramms wie perfekt aufeinander abgestimmte Teile eines Puzzles zusammen und hinterließ, nachdem das Bild fertig gestellt war, ein begeistertes Publikum!

Auch ein weiteres Konzert des experimentierfreudigen Stadtkirchenkantors erfreute die zahlreich erschienenen Zuhörer: In „Orgel - Glocken – Worte“ stand die Glocke, schon wegen ihres üblichen Standortes zwischen Erde und Himmel ideales Symbol für Transzendenz, im Mittelpunkt.
Kurt Kramer spielte zu ausgewählten Orgelwerken die von echten Glocken aufgenommenen Klänge ein, Klaus Nagorni ergänzte das musikalische Programm durch Texte.

Mehr Zuspruch beim Publikum hätten hingegen die gehaltvollen Vorträge der Veranstaltungsreihe vertragen können. Dariusz Szymanski, Redakteur im Festspielhaus Baden-Baden, bot anhand von Hörbeispielen Grenzerfahrungen in Oper und Sinfonik, Komponist Wolfgang Rihm versuchte zusammen mit Christian-Markus Raiser und Klaus Nagorni in einem lebendigen Gespräch, den Anteil der Hörenden, der ausführenden Musiker oder des Komponisten an der transzendentierenden Wirkung der Musik zu ergründen und Meinrad Walter begab sich auf einen spannenden und interessanten „Streifzug durch irdisch-himmlische Werke der geistlichen Musik“.
Ergänzt wurden die Konzerte, Vorträge und Gottesdienste des Himmelsklang-Projektes schließlich noch durch eine Ausstellung in der Krypta der Stadtkirche mit großformatigen Bildern des Malers Thomas Grochowiak, bei der alle gezeigten ausdrucksstarken Werke im Zusammenhang mit Themen aus der Musik entstanden sind.

Sylvia Hellstern

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