Orgelfassung von Bachs Weihnachtsoratorium

Katharina Wulzinger, die Wertheimer Bezirkskantorin, hatte 2020 die Absicht, die ersten drei Kantaten des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach in den dafür vorgesehenen Gottesdiensten aufzuführen – pandemiebedingt natürlich in kleiner Besetzung (Kammerchor, solistische Streicher). Als die zweite Welle kam, entschied man sich, die chorischen Stellen nur von den Solisten singen zu lassen; aber auch diese Fassung konnte wegen der weiteren Beschränkungen nicht realisiert werden. Damit schien das Projekt für dieses Jahr „gestorben“.
von Dieter Zeh
Doch die Stiftskirchenkantorin gab nicht auf, zumal sich in Wertheim seit Oktober musikalisch eine neue Situation ergeben hatte: Carsten Klomp, Professor für Künstlerisches Orgelspiel an der Heidelberger Hochschule für Kirchenmusik, übersiedelte mit Familie nach Wertheim. Katharina Wulzinger fragte ihn kurzerhand, ob er sich vorstellen könne, den Instrumentalpart zur ersten Kantate allein auf der Orgel darzustellen. Sie war an der richtigen Adresse – Klomp hat sich schon lange einen Namen für gelungene Transkriptionen und Bearbeitungen gemacht. Er schreibt dazu: „Nach zwei Tagen an der Orgel war mir klar, dass es nicht nur möglich wäre, sondern dass sich die Partitur Bachs in spannender und klanglich überraschender Weise auf die Orgel übertragen ließe.“
Da kurz vor Weihnachten alle Präsenzgottesdienste abgesagt wurden, hat man die Produktion der ersten Kantate vorab aufgezeichnet und am ersten Weihnachtsfeiertag auf You Tube online gestellt. So gelang mit Hilfe der Tontechnik von Dominik Schultheiss eine ausgewogene Präsentation der solistischen Besetzung (Katharina Wulzinger, Sopran; Bianca Schütz, Alt; Stefan Schneider, Tenor und Martin Popp, Bass) zum Plenum der Orgel.
Mit diesem Vorhaben befindet sich Klomp in bester Gesellschaft: Sein Vorgehen ist durch Bach selbst legitimiert, hat dieser doch Instrumentalmusik anderer Komponisten für Cembalo bzw. Orgel transkribiert. Aus seiner Weimarer Zeit kennen wir die Bearbeitungen von Violinkonzerten von Vivaldi, Torelli und Marcello, außerdem von letzterem auch die des Oboenkonzerts.
Im Gegensatz zu manch anderen Bearbeitungen, (das „Eindampfen“ groß besetzter Werke ist ja derzeit en vogue) stellt Klomps Adaption keine Minimierungsaktion, keine Reduktion dar: Die Orgel, besonders wenn sie so großzügig disponiert ist wie das 1982 von Rensch erbaute Wertheimer Instrument (47 Register auf drei Manualen – die Disposition ist einsehbar unter www. renschorgelbau.com), kann mit ihren Differenzierungsmöglichkeiten ein reichhaltiges Klangspektrum und vielfältige dynamische Möglichkeiten anbieten und ist damit meilenweit vom Klavierauszugskonzept entfernt. Dieses nämlich beschränkt sich auf eine kompakte Darstellung der Partitur zum Zweck der Einstudierung der vokalen Partien. Alles, was zu Bachs Zeiten umgearbeitet wurde, war in Gestalt und Gehalt auf eine Neuinstrumentierung bezogen.
Klomps Orgelfassung wird den spezifischen technischen Möglichkeiten des Instruments gerecht: Wohl überlegt werden die Manuale gewechselt, das Triospiel zur cantus firmus - Verdeutlichung gepflegt (manchmal mit Überkreuzen der Hände) und das Pedal eingesetzt.
Im Detail lässt sich seine subtile und wohldurchdachte Vorgehensweise aufzeigen: Im Eingangschor wechselt die in Sechzehnteln notierte Bassstimme je nach der Darstellungsmöglichkeit vom Pedal ins Hauptmanual; in I,4 („Bereite dich, Zion““) verwendet er anstelle der Oboe d‘amore den orgeltypischen und klanglich überzeugenderen Sesquialter und in I,7 („Er ist auf Erden“) Quintade 8‘ und Salicional 8‘. Kein Problem bereitet die Realisation der Tutti im barocken Plenumklang sowie der secco-Rezitative; hier kommt, wie im Original, ein 8‘-Register zum Einsatz.
Carsten Klomp will es bei dieser Aufführung nicht belassen; deshalb erscheint die 1. Kantate im Sommer beim Carus Verlag (CV 31.352/10); WO 2+3 sollen im kommenden Jahr folgen.
Für diese Fassung bieten sich mehrere denkbare Aufführungsoptionen - vorzugsweise in Gottesdiensten - an:
Angesprochen dürften sich Gemeinden ohne Chöre fühlen. Auch dort, wo sich ein vorhandener Chor nur die Choräle zutraut, hätte diese Fassung ihren Platz. Ein idealer Ort der Realisation sind die (Kirchen)Musikhochschulen: Solisten und Organisten (z. B. die Orgeldozenten) sind vorhanden, und für die dortigen Chöre ist der Vokalpart allemal erreichbar. Dies gilt auch für professionelle Kammerchöre, die den Schritt weg von den tradierten Hörgewohnheiten unternehmen wollen. Und nicht zuletzt darf man an die vielen Choristen denken, die das WO „drauf“ haben und mit geringem finanziellem Aufwand zur „Récréation des (eigenen) Gemüths“ und zur Freude der Zuhörer das Werk aufführen wollen.
Auch eine Aufführung als sog. Sing-Along wäre so preiswert machbar und eine gute Möglichkeit, die Menschen nach langer, chorloser Zeit wieder zum Singen zu bringen. Welches Werk könnte die Musikfreunde da mehr begeistern als das Bachsche Weihnachtsoratorium? Diese Option im Jahr der Orgel umzusetzen, ist da noch das Tüpfelchen auf dem i. In Wiesloch und Schwetzingen ist das bereits für den 2. und 3. Advent geplant.

Und hier noch eine gute Nachricht: Carsten Klomp weiß um die technischen Anforderungen, die seine Fassung mit sich bringt. Deshalb steht er auch – wenn gewünscht - gerne selbst für die Übernahme des Orgelparts zur Verfügung (carsten.klomp@ekiba.de)
Zum Schluss: Klomps stimmige Orgeladaption und die virtuose Umsetzung lassen fast vergessen, dass es von Bachs Musik noch eine andere Version gibt …
Dieter Zeh ist Kantor in Grenzach Wyhlen

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