Hirtenbrief Oberkirchenrat Kreplin

Liebe Leserinnen und Leser,
ich fürchte, wenn Sie diese Zeilen lesen, wird es weiterhin viele Einschränkungen im kirchenmusikalischen Leben geben. Seit Mitte März können sich Chöre nicht mehr zum gemeinsamen Singen treffen, Bläserinnen und Bläser nicht mehr proben und spielen, in den Gottesdiensten sind die musikalischen Beiträge auf wenige Mitwirkende reduziert. Und obwohl wir seit einiger Zeit versuchen, von der Landesregierung eine Erlaubnis zum Gemeindegesang im Gottesdienst zu erhalten, hat sich bis heute (5.6.2020) noch nichts bewegt. Und es ist zu fürchten, dass einige Chöre nach der Corona-bedingten Unterbrechung nicht mehr neu an den Start kommen – weil sich viele Sängerinnen und Sänger oder Bläserinnen und Bläser inzwischen neu orientiert haben oder die lange Pause der Anlass zum schon länger überlegten Aufhören ist. Traurige Zeiten für die Kirchenmusik also.
Nein, nicht ganz. Es gab in den letzten Wochen seit Mitte März nicht nur Krisenerfah-rungen, sondern auch viel Engagement, Kreativität und Neuaufbrüche zu beobachten – gerade auch im (kirchen)musikalischen Bereich. Ich denke an die Menschen, die gleich am Anfang des Lockdowns die Aktion zum Balkonsingen oder zum Abendliedersingen auf der Straße ins Leben gerufen haben. Und wie ich erst vor Kurzem erlebte, wird dieses abendliche gemeinsame Singen an vielen Stellen noch bis heute durchgetragen. Ich denke an die kreativen Formen von Musik-Videos, die entstanden sind: Alle Chormitglieder haben auf eine vorgegebene Begleitung sich selbst singend oder blasend aufgenommen und dann wurde das ganze zu einem digitalen Chor zusammengefügt. Der landeskirchliche Gottesdienst am Sonntag Kantate hat sehr schöne Beispiele aus der badischen Landeskirche hierzu zusammengetragen. Wenn Sie dieses Video noch nicht gesehen haben, sollten Sie es sich anschauen und anhören (www.youtube.com Ich denke auch an online-Konzerte, online-Chorproben und online-Unterricht. Oder an Ensembles, die sich mit großem Abstand zueinander im Hof vor einem Altenpflegeheim aufgestellt haben und musiziert und gesungen haben, um wenigstens auf diese Weise den alten Menschen zu versichern, dass sie nicht vergessen sind. Trotz Corona ist vieles in den letzten Wochen und Monaten in Bewegung gekommen.
Ich hoffe, dass in absehbarer Zeit Chöre wieder ihre Proben aufnehmen können und auch wieder in Gottesdiensten und Konzerten auftreten können. Auch wenn Abstands- und Hygieneregeln wohl noch eine ganze Weile lang das Musizieren bestimmen werden, arbeiten wir gegenwärtig auf landeskirchlicher Ebene daran, der Politik Vorschläge zu unterbreiten, wie das doch möglich sein kann, ohne dass es zu Infektionen kommt. Vielleicht ist auch schon einiges möglich, wenn Sie diese Zeilen lesen. Ich hoffe es.
Aber auch wenn das Singen und Blasen wieder möglich sein sollte, wird es sinnvoll sein, nicht einfach wieder zum Alten zurückzukehren. Ich denke, es gibt einiges festzuhalten von dem, was wir in der Krise gelernt haben. Das könnte zunächst sein, das Singen und Spielen noch stärker in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Viele Chöre treten immer wieder in Krankenhäusern oder Altenpflegeheimen auf – andere machen das bisher noch gar nicht. Das könnte ausgeweitet werden – und vielleicht auch an anderen Orten: am Samstag auf dem Marktplatz, als Straßenmusik beim Dorf- oder Stadtteilfest, warum nicht mal am Baggersee? Oder auch auf dem Friedhof!
Festhalten sollten wir auch die ganzen digitalen Erfahrungen, die gemacht wurden. Es könnte zur Gewohnheit werden, Gottesdienste und Konzerte mitzuschneiden und hinterher kranken und ehemaligen Chormitgliedern einen digitalen Gruß zukommen zu lassen. Und sicher gibt es jetzt auch mehr Bereitschaft und Energie, die Homepage des Chores zu pflegen und die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten zur Organisation des Chores besser zu nutzen. Vielleicht lassen sich so auch auf digitalem Weg noch neue Menschen für das Singen und Blasen begeistern.
Die Bibel erzählt uns ja immer wieder davon, dass solche Krisenzeiten nicht einfach nur ein Niedergang des Bisherigen bedeutet haben, der im besten Fall dann nach der Krise wiederbelebt wurde. Die Bibel erzählt immer wieder, dass Krisenzeiten zu einem neuen Aufbruch geführt haben. Das fängt bei der Wüstenwanderung an und geht über die Zeit der Verschleppung nach Babylon bis hin zu Tod und Auferstehung Jesu. Gott hat die Kraft, aus der Krise etwas Neues entstehen zu lassen, das weit über das Frühere hinausführt. Im Vertrauen auf diese Kraft Gottes können wir heute und morgen Krisenbewältigung treiben, können festhalten, was wir in Corona-Zeiten an Weiterführendem gelernt haben und auch mit Gelassenheit in die Zukunft gehen – und das gilt nicht nur für unsere kirchenmusikalische Arbeit.
So grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen viel Erfahrungen mit dieser Kraft Gottes.
Matthias Kreplin
Oberkirchenrat

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