Carsten Klomp:
NACHgedacht

Nein – keine Sorge: Hier soll nicht schon wieder die leidige Diskussion um Pop oder Klassik in der Kirche vom Zaun gebrochen werden. Stattdessen will ich auf die dahinter stehende Sorge der Diskutanten eingehen, ob wir unseren missionarischen Auftrag denn nun mit der einen oder der anderen „Musikfarbe“ – ein furchtbares Wort - besser erfüllen. Denn sie ist es ja, die die Diskutanten seit Jahren umtreibt, wenn sie denn nicht nur vorgeschoben ist, um den eigenen Musikgeschmack zu überhöhen.
Anders gesagt: Sind es wirklich wir Musiker und natürlich, Gerechtigkeit muss sein, Musikerinnen bzw. unsere Musik, die die Leute aus der Kirche treibt oder könnte es dafür auch ganz andere Gründe geben? Immerhin kann man ja feststellen, dass es auf der ganzen Welt Länder gibt, in denen die Religionen großen Zulauf haben und das nicht, weil der Muezzin plötzlich rappt oder der orthodoxe Chor mehr groovet als bisher. Woher kommen also die „bad vibrations“, die die Leute angeblich scharenweise aus der Kirche treiben?
Manchmal frage ich mich, ob es nicht vielleicht die Räuber sind, die am lautesten „Haltet den Dieb!“ rufen. Ein paar Beobachtungen aus dem persönlichen Umfeld, die übrigens in keinem direkten Zusammenhang stehen, seien hier mitgeteilt:
Kürzlich berichtete mir ein Pfarrer, dass einer seiner Kollegen das Abendmahl mit seinen Konfirmanden probehalber mit Chips und Cola feiert. Es wäre interessant, zu erfahren, ob und falls ja in welchem Alter die Konfis je in der Lage sein werden, bei einer Party Chips zu essen ohne sich, prustend vor Lachen, ein „Christi Leib für dich gegeben“ zuzubrüllen.
Bei der Konfirmation meines Patenkindes wird, obwohl es bereits auf dem Programm steht und vor der Austeilung erläutert wird, während des Abendmahls (und damit während Bachs Es-Dur- Triosonate) vom Pfarrer immer wieder ins Mikro gebrüllt, welche Gruppe nun als nächstes nach vorne zu gehen habe. Die sich aus dieser Daueransagerei ergebende Bahnhofsatmosphäre führt dazu, dass sich auch die Gottesdienstbesucher während des Abendmahls lautstark unterhalten und je nach Gusto die Kirche verlassen und wieder herein kommen. Auch von während der Austeilung verzehrten Butterbroten weiß die genervte Küsterin zu berichten.
Die Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg bietet seit einigen Jahren eine Reihe von jeweils drei „Sonntagsreden“ an, die nach dem Sonntagsgottesdienst in einer Kirche gehalten werden. Im Rahmen dieser Reihe wird es diesem Jahr zwei Reden unter dem Titel „Warum ich gerne Buddhistin bin“ bzw. „Warum ich gerne Moslem bin“ geben. Tja - ich bin bisher immer davon ausgegangen, dass sich der sog. Missionsbefehl auf unsere und nicht auf irgendeine Religion bezieht, aber vielleicht habe ich da eine theologische Volte verpasst. Nichts gegen den interreligiösen Dialog, als solcher wird die Veranstaltung natürlich ungeachtet der Tatsache, dass sich die Begriffe „Rede“ und „Dialog“ irgendwie ausschließen, von der EEB ja auch verkauft. Aber ich tue mich schwer mit dem Gedanken, dass im Altarraum einer evangelischen Kirche die Wohltaten des Islam und des Buddhismus‘ gepriesen werden. Vorschlag für die drei Sonntagsreden 2012: 1. „Warum ich gerne Zeuge Jehovas bin“, 2. „Warum ich gerne Scientologe bin“ und als finaler Höhepunkt 3. „Warum ich gerne aus der Kirche ausgetreten bin“ – mit anschließendem Sektempfang und Agapefeier mit Kichererbsenpüree.
Kürzlich wurde in der Presse über eine Pfarrerin berichtet, die ihren „abweisenden Talar“ zwar gelegentlich im Gottesdienst verwendet, aber eigentlich lieber Gottesdienste ohne Talar feiert. Dabei kann man doch schon lange gegen abweisende Talare die wenn auch nicht liturgisch so doch wenigstens ökologisch korrekten ecuadorianischen Ganzjahresregenbogenstolen einsetzen.
Auch hübsch und in dem Zusammenhang sehr passend der kürzlich in der liturgischen Kommission unserer Landeskirche vorgetragene Wunsch einer Gemeinde, bei der Neugestaltung ihrer Paramente auf die üblichen Farben zu verzichten. Man wünschte sich stattdessen Adventsweihnachtsparamente in schönem CocaCola-Weihnachtsmannrot und Passionsosterparamente in warmen Gelbtönen. Schöne Idee. Liturgisch ist aber darauf zu achten, dass das weihnachtliche Adventsparament exakt zu dem Datum aufgehängt wird, in dem in der lokalen Aldifiliale die ersten Schokonikoläuse verkauft werden. Bitte nicht vergessen, die „Advent ist im Dezember-Prospekte“ mit auszulegen. Es soll ja alles richtig zugehen bei uns.
Ach ja. Dann war da noch der Pfarrer, der in seiner Gemeinde das „Gloria patri“ grundsätzlich durch „Ubi caritas“ ersetzen ließ. Begründung (ich habe es mit eigenen Ohren gehört): „Weil‘s so schön ist“. Oder der, der in seiner Liedpredigt über EG 4 immer wieder von dem Lied „Nun kommt (!) der Heiden Heiland“ sprach. Vielleicht hat dieser Mann des Wortes bei der intensiven Auseinandersetzung mit dem Text aus Versehen „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ vor sich gehabt – ist ja auch irgendwie adventlich. Oder die Pfarrerin, die im vorösterlichen Kindergartengottesdienst meinte, Jesus sei sehr krank gewesen, dann aber wieder aufge(!)standen (für dieses theologische Highlight ein herzliches Dankeschön in den Norden der Republik) – oder die Gemeinde, die zukünftig auf das Agnus Dei beim Abendmahl verzichten möchte. Schließlich sei die Kreuzigung ja eine scheußliche Angelegenheit gewesen, an die man doch nicht immer wieder erinnern wolle. Mein Vorschlag: Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass Jesus bei einem Reitunfall ums Leben gekommen ist. Das wäre schneller gegangen und hätte auch nicht so weh getan.
Eigentlich gehörten hier auch noch die Evangelischen Fernsehgottesdienste hin, die manchmal eher an die Augsburger Puppenkiste oder einen ARTE-Themenabend zum Thema „Der kleine Prinz“ erinnern, aber der Platz dieser Kolumne reicht leider nicht aus.
Ich weiß ja selbst, wie furchtbar konservativ das alles klingt. Aber manchmal frage ich mich wirklich, ob es denn eigentlich sch…egal ist, welche Glaubensinhalte in der evangelischen Kirche verkündigt werden. Es scheint nur noch darum zu gehen, niederschwellig, unkonventionell und solidarisch mit allem und jedem zu sein. Vielleicht ist es doch nicht die Musikfarbe, sondern diese sich anbiedernde Beliebigkeit, die die Leute aus der Kirche treibt.
Entschuldigung - das geht Sie ja eigentlich nichts an. Ich habe nur mal laut „NACHgedacht“.

Carsten Klomp

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