Tagungsbericht:
Mediale und funktionale Aspekte der Gesangbuchgeschichte

Am 8. und 9. April 2011 fand in Karlsruhe ein Symposium der Evangelischen Landeskirche in Baden in Kooperation mit dem Verein für Kirchengeschichte in Baden zum Thema „Gesangbuch und Kirchenlied - gestern, heute und morgen“ statt. Im Folgenden werfe ich einige Schlaglichter auf diese Tagung, an der ich zu großen Teilen teilnehmen konnte.

Es war eine gelungene Verbindung, die Eröffnung einer Gesangbuch-Ausstellung im Gebäude des Evangelischen Oberkirchenrates mit einer Tagung zu Gesangbuch und Kirchenlied zu verknüpfen und gleichzeitig in diesen Rahmen die Übergabe des neuen Buches von Heinrich Riehm „Auf dem Weg zum Evangelischen Gesangbuch (EG)“ einzubauen.
Pfr. i.R. Heinrich Riehm, ehemals Landesobmannn des Badischen Kirchenchorverbandes, ist nicht nur ein Kenner der Gesangbuchgeschichte, sondern selbst Zeitzeuge der Entstehung des Evangelischen Gesangbuches. Er war federführend in der Komission der EKD, die das EG auf den Weg gebracht hat. Dr. Martin-Christian Mautner, der als Dozent an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg und im Haus der Kirchenmusik in Beuggen tätig ist, spannte einen großen Bogen der Kirchenliedgeschichte bis in die Zeit der Entstehung des EGs. In gekonnter Weise verknüpfte er persönliche Erfahrungen mit historischer Kenntnis. Hatte er doch auch als Organist in den 80-er Jahren Listen gesungener EKG-Lieder geführt, die Heinrich Riehm in alle badischen Lande ausgegeben hatte. Immer wieder blitzte bei den Vorträgen der Tagung auf, welche Verdienste sich Heinrich Riehm auf dem Feld der Gesangbuchforschung in Baden und darüber hinaus gemacht hat. So gab die Tagung Gelegenheit, ihn dafür zu Lebzeiten zu würdigen.

Kirchenrat Dr. Udo Wennemuth, Leiter des landeskirchlichen Archivs in Karlsruhe, stellte die umfangreiche Gesangbuchsammlung der Evangelischen Landeskirche in Baden vor. Die Ausstellung selbst zeigt 120 der über 4.000 Exemplare der Sammlung, die längst über den Badischen Raum und über konfessionelle Grenzen hinaus reicht. Die Ausstellung kann bis 25. Juli 2011 im EOK besucht werden. Dr. Wennemuth ist auch der schlüssige Aufbau der Fach-Tagung zu danken, die sich nun an die Ausstellungs-Eröffnung anschloss.
Zum Nachmittag wechselten die Tagungs-Teilnehmenden vom EOK-Gebäude in das Stephanienbad - der Paul-Gerhardt-Kirche in Karlsruhe-Beiertheim. Zunächst beleuchtete Dr. Heike Wennemuth aus Karlsruhe kundig die Entstehungsgeschichte des ersten Unionsgesangbuches in Baden. Anhand von Abendliedern und Liedern zum Abendmahl verglich sie Liedauswahl und Textfassungen der konfessionellen und regionalen Gesangbuch-Vorgänger. Der vorläufige Ertrag ergab: wichtiger war zu dieser Zeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der geistige Einfluss der Aufklärung in den Liedtexten und Textkorrekturen als die Tendenz, konfessionelle Unterschiede hochzuhalten. Dies zeigte sich gerade in den Texten der Lieder zum Abendmahl, dem klassischen Feld für Lehrunterschiede zwischen den evangelischen Konfessionen.

Dr. Christoph Schmider, erzbischöflicher Archivdirektor des Ordinariats in Freiburg, beleuchtete seinerseits die Geschichte des katholischen Gesangbuches in der zu Anfang des 19. Jahrhunderts neu gegründeten Erzdiözese Freiburg. Wie in der neuen evangelischen Unionskirche in Baden stellte sich auch hier die Aufgabe, für die Erzdiözese ein einheitliches Gesangbuch zu etablieren: Das Gesangbuch zeigte sich in beiden Vorträgen in seiner Funktion als äußeres Zeichen kirchlicher Einheit.
Gegen die Zerfledderung des Liedguts in unserer Kirche und den damit verbundenen Traditionsabbruch richtete sich die Erstellung einer Kernliederliste, die die beiden evangelischen Kirchen im Südwesten vor wenigen Jahren gemeinsam erstellt haben. In seinem Beitrag zu eben dieser Kernliederliste fragte der in Baden angesagte praktische Theologe Prof. Peter Bubmann aus Erlangen nach den Kriterien, die zu dieser in Baden aktuellen Kernliederliste geführt haben. Er berichtete, dass seine Suche nach Kriterien erfolglos blieb, die zur Anzahl oder gar zur inhaltlichen Auswahl aus den EG-Liedern geführt hätten. Bubmann plädierte dafür, durchaus eine solche Liste zu haben, aber sie als einen offenen Kanon zu sehen, der immer neu überprüft und verändert werden kann.

Was wäre eine Tagung über Gesangbuch und Kirchenlied, bei der nicht gesungen wird? Kantor Michael Braatz aus Heidelberg brachte die Teilnehmenden in seinem Beitrag „Lieder badischer ‚Liedermacher’ im 20. Jahrhundert“ zum Singen. Neben den bekannten Namen Josef Michel, Rolf Schweizer und M. G. Schneider machte er auf weitere Textdichter und Melodisten aus Baden aufmerksam und breitete einen erstaunlichen Reichtum aus, den der badische Raum vorgebracht hat. Sein Appell, dauerhaft eine Werkstatt für neue, geistliche Liedtexte und Melodien im kirchlichen Raum für Baden einzurichten - gemäß dem holländischen Vorbild - stieß auf große Zustimmung.

Eine besondere Begegnung fand am Abend mit Prof. Jürgen Henkys aus Berlin statt. Kaum ein zeitgenössischer Textdichter ist mit so vielen Liedtexten im EG vertreten wie er. Meist sind es Text-Übertragungen aus dem Niederländischen ins Deutsche. Henkys sprach sich für eine kontinuierliche Weiterentwicklung von Kirchenlied- Sammlungen aus, wozu für ihn auch die Herausgabe eines neuen Gesangbuches in ca. 20 Jahren gehört. Er tat seine Beobachtung kund, dass es derzeit in der EKD am Willen für ein neues, einheitliches Gesangbuch fehle, wie dieser einst auf dem Weg zum EG deutlich zu spüren war. Daher forderte er eine ständige Gesangbuchkomission im Raum der EKD, die als Ort des Sichtens und Sammelns auf dem Weg zu einem neuen, zukünftigen Gesangbuch fungiert.

Am Samstagmorgen führte Dr. Konstanze Grutschnig-Kieser aus Stuttgart in die äußeren Erscheinungsformen des Gesangbuches ein. Anhand eines historischen, hessischen Ge-sangbuches der Stadt Bad Homburg brachte sie den Teilnehmenden Einbände, Bebilderungen, Einträge und Druckgeschichte nahe und eröffnete so einen Einblick in die Funktion des Gesangbuches als Haus- und Familienbuch in früherer Zeit.

Dr. Elisabeth Fillmann aus Mainz wagte sich an einen Überblick zu den Liederheften, die neben den Gesangbüchern in den letzten Jahrzehnten entstanden sind, und versuchte, eine Kategorisierung vorzunehmen. Angesichts der Fülle legt sich mir nahe, sich bei der Sichtung und Sammlung auf die offiziell von den Landeskirchen veröffentlichten Anhänge und Liederhefte zu den Gesangbüchern zu beschränken.

Pfr. i.R. Hans-Jürg Stefan berichtete höchst interessant von den Erfahrungen mit neuem Liedgut in der deutschsprachigen Schweiz. Er stellte die enge, ökumenische Zusammenarbeit heraus und die Bedeutung guter, zeitgenössischer Dichtung für das neue geistliche Lied. Der Vortrag wurde zugleich zu einer anregenden Werkstatt für das Singen von neueren Liedern mit der Gemeinde. Im Blick auf die Sterbekultur eröffnete PD Dr. Michael Heymel aus Heildelberg die individuelle, tröstliche Bedeutung von Kirchenliedern.
Landeskantor KMD Prof. Carsten Klomp aus Freiburg brachte die Anwesenden nochmals zum Singen und zeigte Möglichkeiten der Einstudierung von Liedern und Kanons auf. Die Tagung endete mit einem Abschlussgottesdienst unter dem Motto „Singet dem Herrn ein neues Lied“, den OKR Dr. Matthias Kreplin leitete.

Ganz herzlich ist allen Referierenden zu danken, die uns einen erhellenden Einblick in Geschichte und Funktion des Gesangbuches gegeben haben. Ein ganz besonderer Dank gilt Dr. Wennemuth, dessen Konzept für diese Tagung mich sehr überzeugt hat. Dem Symposium ist es gelungen, über die Grenzen Badens hinaus Impulse zu setzen.

Heinrich Riehms Buch „Auf dem Weg zum Evangelischen Gesangbuch“ ist erhältlich beim Verein für Kirchengeschichte in der Evangelischen Landeskirche in Baden, Postfach 2269, 76010 Karlsruhe.

Gero Albert

Top Impressum/ Datenschutz Links Home