Wo wir dich loben wachsen auch alte Lieder

„Wo wir dich loben, wachsen auch alte Lieder...“ – EG-Singen der anderen Art

Alle erwarten mit Vorfreude den neuen Anhang zum EG. Auch ich, denn neue Zeiten brauchen neue Lieder. Aber ich will Ihnen/Euch eine Erfahrung mitteilen, die ich gerade mit meiner „Jungen Kantorei“ (Kinderchor) mache:

Von Detlef Helmer

Jedes Jahr beteiligen wir uns am Krippenspiel zu Weihnachten. Mit einem Erwachsenen-/Jugend-Team suche ich ein neues Krippenspiel aus, bei dem sich die Junge Kantorei singend und spielend beteiligt. In der Regel beinhalten die neuen Spiele auch neue Lieder. Manche der meist pop-orientierten Lieder/Songs sind Ohrwürmer - aber die meisten verlassen auch spätestens nach der Weihnachtszeit die Ohrgänge so schnell, wie sie Eingang gefunden haben. Im Team ersetzen wir einige Lieder durch unsere alten Schlager und Ohrwürmer wie Es ist ein Ros' entsprungen, Vom Himmel hoch oder Ich steh an deiner Krippen hier. Schließlich sind das ja Kulturgüter, die sich seit Jahrhunderten bewährt haben, und wir haben ja auch eine Verantwortung dieser Kultur und unseren Kinder und Enkeln gegenüber. Ich mache auch immer wieder die Erfahrung, dass die Kinder der Jungen Kantorei diesen alten Schätzen recht andächtig lauschen und diese auch gern singen.
Soweit die Vorgeschichte, mit der ich sicher nicht allein stehe.
In den letzten Jahren hatte ich mir angewöhnt, alle Lieder des Krippenspiels – die alten und die neuen – den Kindern als Kopie mitzugeben, damit sie diese auch zu Hause fleißig üben konnten.
Doch beim letzten Mal probierte ich einen neuen Weg: ich drückte den Kindern das EG in die Hand. Zum einen wollte ich die Kopierflut eindämmen, zum Anderen wollte ich mit dem Singen der alten EG-Lieder die Kinder verstärkt auf das EG aufmerksam machen. Einige Kinder hatten das Buch zum ersten Mal in der Hand und fragten: „Was ist DAS denn?“ „Ihr habt da einen Schatz in der Hand“, antwortete ich. Das weckte Neugier. „Es ist ein Lieder-Schatz. Da sind fast 700 Lieder drin!“ Ungläubiges Erstaunen. „Ja! Und viele Lieder sind 200, 300 Jahre alt. Einige sogar 1000 Jahre.“ Sie fingen an zu blättern. „Und einige kennt ihr schon vom letzten Jahr. Schlagt mal die Nummer. 30 auf!“ - „Oh, das kennen wir! Es ist ein Ros' entsprungen!“ Und sie fingen an zu singen. „Ja“, sagte ich. „Und jetzt mal die 37.“ - „Ach, das schöne Lied! Können wir das auch singen?“. Wir sangen die erste Strophe. Dann gab ich einen neuen Impuls: „Da sind auch Lieder drin, die ihr sicher aus der Schule kennt. Zum Beispiel 515.“ Das Blättern dauerte eine Weile, aber dann war die Freude groß: Laudato si! „Das steht da auch drin??“ Und gleich sangen die Kinder los.
Dann fragte ein Kind: „Können wir nicht mal alle Lieder daraus singen?“ Großes Gelächter.
„Nun“, sagte ich, „das wird recht lange dauern. Bis wir das schaffen, seid ihr erwachsen.“ Worauf ein anderes meinte: „Wir könnten doch in jeder Singstunde 10 Lieder singen. Dann müssen wir nicht alle auf einmal singen!“ „Oha“, sagte ich. „Dann dürfen die Großen von euch mal rechnen. Wir haben 700 Lieder. Wenn wir jede Woche 10 Lieder singen – wieviele Wochen brauchen wir dann?“ Das hatten die Großen schnell raus. „Und 10 Lieder in einer Singstunde schaffen wir nicht. Außerdem können wir dann auch keine Musicals mehr aufführen...“
Wir sangen die vier Lieder für das Krippenspiel - das dann auch am 24.12. anrührend gespielt wurde.
Die Neugier und die Begeisterung der Kinder ließen mir über Weihnachten aber keine Ruhe. Und in der ersten Singstunde nach den Weihnachtsferien sagte ich ihnen: „Wisst ihr was? Ich fand das toll, welchen Spaß ihr am Gesangbuchsingen hattet. Wir können zwar nicht jede Woche 10 Lieder daraus singen, weil wir dann wirklich unser nächstes Musical nicht mehr vorbereiten können, aber wenn ihr wollt, singen wir jedes Mal zu Beginn drei Lieder. Ich weiß zwar nicht, wie weit wir kommen, aber: Wenn ihr das durchhaltet, seid ihr der erste Kinderchor auf der ganzen Welt, die das Gesangbuch von vorn bis hinten durchgesungen habt!“ Die Kinder waren begeistert...

Seit dem 12. Januar machen wir das. Ab Nr. 1. Wir singen zwar nicht alle Strophen, aber in der Regel zwei oder drei. Und ich kann nicht behaupten, dass die Kinder, die zwischen 5 und 12 Jahre alt sind, die Lieder können, aber ich mache erstaunliche Erfahrungen: die Kinder lassen sich vorurteilsfrei darauf ein, sie hören zu und versuchen, mit- oder nachzusingen, sie singen mit, auch wenn sie viele Wörter nicht kennen und verstehen; wenn sie nachfragen, erkläre ich es ihnen und wir sprechen darüber, wir schauen unter den Strophen, wann der Text und wann die Melodie entstanden sind, wir reden mitunter über „Gott und die Welt“: über Gott, Jesus, Kriege, Juden, Not, Frieden, Armut, Reichtum, Hilfe, Krippe, Kreuz, Kreuzigung, Auferstehung, Heil und Unheil, Bibel, Propheten und, und...

Ich könnte mit den Liedern locker jede Singstunde füllen, und es ist unglaublich, wie offen und neugierig die Kinder damit umgehen! Zu unserem nächsten Musical, einem sog. „Kwatschical“, das sich mehr mit Sprache als mit Liedern beschäftigt, ist es ein wunderbarer Ausgleich. Kurz vor den Sommerferien haben wir den Weihnachtszyklus geschafft. Für uns Alle ist es merkwürdig, Stille Nacht im Sommer zu singen – aber wir tun es. (Proben wir nicht auch mit Erwachsenen ein Weihnachtsoratorium spätestens nach den Sommerferien?) Mittlerweile holen sich die Kinder schon allein das EG beim Reinkommen ins Gemeindehaus. Sie haben sich gemerkt, wo wir aufgehört haben und sind neugierig, wie und ob es weitergeht.
Das bin ich natürlich auch. Mir ist klar, dass wir nicht alle Lieder schaffen. Es kann gut sein, dass die Luft zum Jahresende oder im nächsten Jahr raus ist. Aber es sind uns mehrere Dinge gelungen: die Kinder haben das Gesangbuch (besser) kennengelernt, das Singen aus dem EG wird zur Normalität, sie lernen alte Lieder und Sprache, Dichter und Komponisten kennen, wir unterhalten uns ganz ernsthaft (und manchmal mit Spaß) über „erwachsene“ Themen, sie erhalten nebenbei Bibelkunde (weil wir manche Bibelzitate in der Bibel vor- oder nachlesen), sie erzählen ihren Eltern davon, ich selbst entdecke einen neuen Umgang mit Kindern und lerne die Kinder besser kennen... Und noch viel mehr. Dass ich nicht schon früher mal damit begonnen habe...! Aber besser spät als nie…

Zur Person: KMD Detlev Helmer ist Bezirkskantor in Schwetzingen

Top Impressum/ Datenschutz Links Home