Tag der Kirchenmusik

Am Samstag, den 10. März trafen sich zwischen 9.30 und 18 Uhr rund um die Christuskirche Karlsruhe über 150 evangelische Kirchenmusikerinnen und -musiker aus Baden zu einem interdisziplinären Fortbildungstag, der von der Evangelischen Landeskirche in Baden ausgerichtet wurde.
Auf dem Programm standen Workshops zu Orgel-, Pop-, Bläser- und Chorleitungsthemen. Geleitet wurden die Workshops von katholischen und evangelischen Kantorinnen und Kantoren aus ganz Baden. Diese legten einen programmatischen Schwerpunkt auf die neue Lied- und Textsammlung, die zum ersten Advent 2018 in allen Gemeinden der badischen Landeskirche eingeführt wird, aber auch auf weitere aktuelle Entwicklungen im Bereich der Kirchenmusik.
Eingegliedert in den Badischen Tag der Kirchenmusik waren die Mitgliederversammlung des Verbandes der evangelischen Kirchenchöre in Baden und der Landesvertretertag der Badischen Posaunenarbeit.
Ein besonderes Kompliment geht an die Organisatoren des Tages, Prof. Carsten Klomp, Jochen Martin und Johann Christoph Haake – es klappte alles perfekt und das leckere Catering half so manche „Ermüdungserscheinung“ zwischen den workshops gut zu überbrücken.
Der Tag begann mit einer gemeinsamen Andacht im Albert-Schweitzer-Saal, die von Alt -Landesbischof Dr. Ulrich Fischer gehalten wurde und musikalisch von einem Bläserensemble mitgestaltet wurde.
Zum Abschluss gab es einen festlichen Gottesdienst in der Christuskirche. Bläser- und Orgelklänge auf höchstem Niveau erfreuten ebenso wie die Gesänge der Landesjugendkantorei Baden, die als Auswahlchor die besten jugendlichen Sängerinnen und Sänger der Landesverkirche vereint. In diesem Gottesdienst wurden die nebenamtlichen KirchenmusikerInnen (D- und C- Ausbildung), die kürzlich ihr Examen abgelegt haben, in ihren Dienst entsendet.
Beschwingt und angeregt durch viele neue Impulse verließen die Teilnehmenden die Christuskirche. „Wir sind viele“ war ein wichtiges Erlebnis an diesem Tag. Dankbar wurde auch das Engagemenet der vielen Hauptamtlichen für die Nebenamtlichen wahrgenommen, und so bleibt die Hoffnung, dass es nicht wieder 6 Jahre dauert, bis es den nächsten Tag der Kirchenmusik gibt.

Tag der Kirchenmusik – workshops
Jeder workshop, der am Tag der Kirchenmusik stattfand, hätte es verdient, nachbesprochen zu werden. Dies war aber schon aus personellen und zeitlichen Gründen nicht möglich. Und die eher praktischen workshops wie das Singen oder Spielen von Liedern aus dem Gesangbuchanhang sind ja auch schwierig, wiederzugeben. Michael Uhrmeister, nebenamtlicher Kirchenmusiker aus Lörrach in der C-Ausbildung, berichtet über die von ihm besuchten workshops:
Matthias Flierl: So richte ich mir meine Noten vernünftig ein - Ein „Unfallvermeidungsprogramm" für Gottesdienst und Konzert

Das „Unfallvermeidungsprogramm“ trug Matthias Flierl sehr engagiert und humorvoll vor, beginnend mit den berüchtigten losen Blättern, bei denen sich auch die Frage nach dem Kopierverbot sogar für Arbeitskopien stellt. Abgesehen hiervon gibt es bei der Verwendung von wirklich losen Blättern auch Pannen in beliebigen Variationen. Das Blättern muss jedenfalls mit oder ohne Hilfe vorher geübt werden. Stress-Stellen im Voraus auswendig zu üben, hilft auch. Fingersätze und andere Eintragungen müssen auf das Notwendige reduziert werden, denn alte oder auf der spezifischen Orgel irrelevante Einträge irritieren. Hierzu gab es eine sehr schöne Musterseite, auf der wirklich alles stand. Von eindeutigen Vereinbarungen mit dem Registranten („Alles rein!“ – abstoßen oder alle Register ziehen??) über Verwendung von Klebezetteln und Haftfilm bis zur Kleidung, Essen und Trinken vor einem Konzert folgten viele Hinweise und Anregungen. Auch als „normaler“ Organist, der nur in Gottesdiensten spielt, fand sich jede und jeder in den entsprechenden Situationen wieder. Ein genüsslicher Ausflug in die Orgelpraxis!
Godehard Weithoff: „Der kleine Unterschied“ - Als ev. OrganistIn in der katholischen Messe
Der „kleine Unterschied“ wurde von Godehard Weithoff sehr schön illustriert und anhand einiger Beispiele an der Orgel vorgeführt. Insbesondere die Begriffsunterschiede wurden angesprochen: während Liturgie in der Katholischen Messe den Gesamtablauf bezeichnet, sind im Evangelischen Gottesdienst hiermit die Wechselgesänge gemeint, also die Akklamationen. Der katholische Kantor ist der Vorsänger, der evangelische der Kirchenmusiker, also Organist/Chorleiter. Der Choral bezeichnet auf der katholischen Seite eher den Gregorianischen Choral, auf der evangelischen das Kirchenlied allgemein. Hier gibt es aber wohl weniger Missverständnisse. Das Timing spielt in der katholischen Messe eine besondere Rolle; hier muss sich der Organist auch den Abläufen rund um den Altar anpassen, ebenso denjenigen bei der Eucharistiefeier. Improvisation ist dabei natürlich von Vorteil, auch bei Überleitungen und Abkürzungen von Literaturstücken. Ein mitgebrachtes, einst von einem Pfarrer erstelltes Regelblatt beschreibt den Organistendienst in der Messe sehr präzise und ziemlich einschränkend. Insofern sorgte dieses auch für einige Erheiterung, da der Ablauf in der Praxis wirklich etwas entspannter aussieht. Den übersichtlichen Ablauf einer Eucharistiefeier Sonn- und Werktags mit allen Erläuterungen hierzu empfanden alle als sehr hilfreich, da der Einsatz in einer katholischen Messe doch für einige evangelische Organisten wiederkehrende Praxis ist.
Kord Michaelis: Gregorianik singen - Grundlagen der Klangästhetik, Dirigat, Beispiele
Das Eintauchen in die Welt des Gregorianischen Chorals mit seiner Neumen-Schrift bis hin zur ersten Notation auf einer, später 3 und mehr Linien war für den evangelischen Organisten doch eher ein Sprung ins kalte Wasser, zumal nach dem guten Essen in der Mittagspause. Allein die beiden vergleichsweise auf den Musterblättern mitgebrachten Neumenschriften verschiedener Herkunft gaben viele Rätsel auf. Kord Michaelis erläuterte diese erwartungsgemäß äußerst kompetent und einleuchtend und konnte die Sequenzen natürlich auch vorsingen. Obwohl vom Hören her mit der Gregorianik etwas vertraut, war für mich allein das Singen aus den Beispielen ziemlich anspruchsvoll, in allen feinen Ausprägungen dieser Schrift, die sich ja am Dirigat orientiert. Die älteste Neumenhandschrift des „Cantatorium“ von etwa 925 n.Chr. stammt aus St. Gallen. Dieser war in den Beispielen die weiterentwickelte Schrift aus Lothringen aus dem 12. Jahrhundert hinzugefügt, zusammen mit der späteren vierzeiligen Quadratnotation. Aus den einem der Beispiele beim Singen nach den Neumen zu dirigieren, überforderte den mit Chorleitung völlig unbelasteten Organisten ganz klar, während die KollegInnen aus dem Bereich Chorleitung hier schon gut einsteigen konnten. Bei Wikipedia gibt es zu diesem Thema ausführliche Beschreibungen und Darstellungen. Nebenbei interessant zu erfahren war, dass die Tonskala früher von A bis P geführt wurde; es gab damals noch keine Oktavidentität, ebenso keine absolut festgelegten Tonhöhen. Im 30-jährigen Krieg trat die Gregorianik durch den Erfolg der deutschsprachigen Gottesdienste in den Hintergrund und wurde später u.a. vom Berneuchener Kreis für die Evangelische Kirche wiederentdeckt.
Johannes Link: Popsongs aus dem neuen Gesangbuchanhang auf der Orgel begleiten
Sozusagen das Gegenstück zur ganz alten Kirchenmusik wurde von Johannes Link an der Orgel der Altkatholischen Kirche präsentiert. Die Begleitung neuer Lieder stellt die Organisten vor ganz andere Herausforderungen als der klassische Kirchenchoral. Einfache rhythmische Muster sind ebenso gefragt wie schlichte harmonische Begleitung, die je nach Lied und Können des Einzelnen auch jazzartig ausgebaut werden können. Im Gegensatz zum Jazz ist die Begleitung des Liedes selbst einfach und transparent zu halten, da die Gemeinde sonst leicht die Orientierung verliert. Es ist erstaunlich, mit welch einfachen Mitteln manche der Neuen Lieder begleitet werden können, sofern sich der Organist vom klassischen vierstimmigen Satz löst und sich ohne Choralbuch und fertige Sätze mit viel Entdeckerfreude ans Werk macht. Allerdings verlangt dies auch viel Üben der ungewohnten Abläufe mit rhythmischen Wechselbässen und ganz anderen Akkorden. Im vierstimmigen Satz verbotene Parallelen sind hier durchaus normal. Für Schwung können verschiedene Rhythmen auch lateinamerikanischer Herkunft sorgen, die freilich ebenso geübt werden müssen wie kompliziertere Choralsätze. Manche Lieder sind natürlich bei einer Begleitung durch eine Band oder auch nur ein Klavier oder E-Piano besser aufgehoben: impulsives Spielen und Dynamik lassen sich hier doch deutlich einfacher umsetzen. Die übervoll besetzte Empore zeigte das große Interesse an neuen Musikstilen, die ja auch jüngeres Publikum ansprechen sollen. Die begeisternde Art des Dozenten kam auch hier bei allen gut an!

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