Josef Michel (1928 – 2002) zum 90. Geburtstag

In dankbarer Erinnerung an Josef Michel

Viele kennen ihn durch seine praxisnahen Chorbücher und Schriften, aus Gesangbüchern und Veröffentlichungen div. Chorverbände sowie Choralvorspielsammlungen: Ende März wäre Josef Michel 90 Jahre alt geworden. Dies ist ein angemessener Anlass, sein Werk und Wirken sowohl seinen Weggefährten dankbar in Erinnerung zu rufen als auch ins wache Bewusstsein der Nachgeborenen zu heben!

von Martin Lehr

Sein Leitbild: Die Kantorenarbeit des 16. und 17. Jahrhunderts
Sein Wirken begann schon früh: Nach einer bedrängten Jugend als „Halbjude“ fand Josef Michel Heimat und Ausbildung am „KI“ in Heidelberg, dessen verdienstvoller Gründer und Leiter Hermann M. Poppen das außergewöhliche Talent unter seine Fittiche nahm. Noch als Student begann er im Raum Schwetzingen mit der Chorarbeit; seine erste Stelle trat er als Bezirkskantor und Religionslehrer in Gaggenau an. Anschließend setzte er sich bei der Firma Ahlborn als Leiter deren Kirchenmusikabteilung für die Elektronenorgel ein; ab 1972 wirkte er bis zu seinem Ruhestand 1991 als Schulkantor am Evang. Internat Schloss Gaienhofen.
Als Kantor im traditionellen Sinne war ihm die Beschäftigung mit den Laienchören ein wichtiges Anliegen. Ausgehend von der Stimme, dem ureigensten Instrument des Menschen, wandte er sich den Sängerinnen und Sängern mit Liebe und Geduld zu. Daneben engagierte er sich jahrzehntelang im badischen Kirchenmusiker- sowie Kirchenchorverband, außerdem im Hegau-Sängerbund und sehr stark in der Lokalpolitik sowie im Kirchengemeinderat. Zwar konnte er bisweilen in der Sache sehr hart sein, war aber nie nachtragend und suchte immer wieder das Gespräch mit seinem Gegenüber. Josef Michel war ein kritisch seiner Zeit weit vorausschauender Mensch, für manche unbequem, ja gar unbotmäßig, weil sie seinem Blick und Denken nicht immer folgen konnten oder wollten.
Sein außergewöhnlicher Einsatz für kulturelle und öffentliche Belange wurde mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt, wobei er es mit Johannes Brahms hielt: „Ich lege keinen Wert auf Orden und Ehrenzeichen – aber haben will ich sie!!“
Seine Idee: Die Gaienhofener Feriensingwoche
Am idyllischen Untersee gründete er 1973, wie in allem tatkräftig unterstützt von seiner Frau Ilse, die „Gaienhofener Feriensingwoche“, deren Teilnehmer nicht nur aus der badischen Landeskirche kamen, sondern bald aus ganz Süddeutschland, aus dem Rheinland, aus Berlin, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und nach 1990 auch aus den neuen Bundesländern. Bald strahlte die besondere Stimmbildung und Chorliteratur über die begeisterten Chorsänger und Chorleiter in die Gemeinden aus; ja viele konnten sie auch bei sich vor Ort erleben. Von Weil bis Berlin, von Kassel bis Weinheim wurden nahezu zwanzig „Gaienhofener Singwochenenden“ durchgeführt, bei denen er jeweils durch einen respektablen Schwarm langjähriger Singwöchnerinnen und Singwöchner unterstützt wurde.
Auch bei „seiner“ Singwoche schätzte er kollegiale Unterstützung und lud immer wieder namhafte Chorleiter zur Mitwirkung ein, wie z. B. Erich Kern, Horst Hempel, Erich Hübner und Lothar Friedrich. 1997 übergab er die Verantwortung für die Singwoche in jüngere Hände, deren Tradition seit 2006 in der „Odenwälder Feriensingwoche“ in Weinheim-Ritschweier fortgeführt wird.
Seine Devise: Schon das Einüben sollte/musste Spaß machen.
In seinem Werk steht die Chormusik für den kirchenmusikalischen Alltag im Vordergrund. Seine ca. 35 Motetten und vielen Chorsätze für Kirchenchor und Kantorei, Kinderchor und Schulkantorei, Männer- sowie Frauenchor haben eine weite Verbreitung gefunden; sie zeichnen sich durch begrenzten Schwierigkeitsgrad, ihre sangliche Stimmführung und das Vermeiden extremer Stimmlagen aus. Dabei ist nie substanzlose Musik entstanden, sondern sie ist von tiefem sowohl musikalischem als auch theologischem Gehalt.
Ein sehr bewegendes Erlebnis war für Josef Michel die Aufführung seiner 3 bis 9-stimmigen Motette „Verleih uns Frieden gnädiglich“ durch den Thomanerchor 1996 in der Leipziger Thomaskirche an der Wirkungs- und Grabstätte Johann Sebastian Bachs.
Mehr als 50 neue geistliche Lieder hat er komponiert, teilweise auch getextet; einige von ihnen haben Aufnahme in Gesangbücher verschiedener evangelischer Landeskirchen sowie freikirchlicher, Schweizer und amerikanischer Kirchen gefunden.
Wissenschaftlich und musiktheoretisch hat er sich in über 60 Aufsätzen mit dem neuen geistlichen Lied, dem Kirchenmusikerberuf, Orgelfragen und Kirchenmusik im allgemeinen befasst; hier lassen sich überraschende Gedanken finden, die heute noch und wieder aktuell sind

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