Generationenspezifisches Singen

Generationenspezifisches Singen – ein Erfahrungsaustausch mit Martin Lehr, langjähriger Chorleiter aus Weinheim

Martin Lehr leitet seit 1976 verschiedene gemischte Chöre und ein Flötenensemble, fördert die musikalische Früherziehung in Kindergärten, singt mit Konfirmanden und hat 2015 die Leitung des Seniorenchores „60Plus“ übernommen. Aus seinem Erfahrungsschatz berichtet er bei einem gemeinsamen Treffen.
„Wie funktioniert das Singen mit Menschen unterschiedlichen Alters?“
Wesentlich bei Alt und Jung ist die Flexibilität des Chorleiters, sich auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Sänger einzustellen. Unterschiedliche Persönlichkeiten brauchen verschiedene Zugänge. So werden Kinder und Jugendliche auch mit außermusikalischen Aufgaben betraut, wie z.B. Keyboard- Aufbau, Notenausteilen etc., um ihnen zu zeigen: alle gemeinsam gestalten die musikalische Umgebung. Oberstudienrat Lehr weiß, wie man Fronten zwischen Schülern und Lehrern aufweicht und Gemeinschaft stiftet. Wenn Kindergartenkinder die singenden Akteure sind und Erwachsene animieren, ein Lied mit Bewegungen zu gestalten, wird ihnen dadurch vermittelt: Die können das nicht ohne uns! Das motiviert unglaublich!
Für alle (singenden) Gruppen ist es wichtig, ein Ziel vor Augen zu haben. Meistens ist das ein Auftritt oder ein Konzert, in dem man Erlerntes präsentieren und die gemeinsamen Leistungen hörbar machen kann. Das jedoch ist nur eine Facette der Chorarbeit. Vielmehr geht es auch um gemeinschaftsstiftende Momente, die ritualisiert wiederkehren: Geburtstagsständchen, Chorausflüge, feste Termine für Sommer- oder Weihnachtsfeste…
Im Zuge der Gründung des Seniorenchores „60Plus“ in Weinheim hat sich z.B. auch eine enge Zusammenarbeit mit den sangesfreudigen Bewohnern des dortigen Bodelschwinghheimes, einer Senioreneinrichtung, ergeben. Was zunächst als Wagnis galt, stellt sich nun als erfüllendes Projekt beider „älteren Chöre“ heraus. Nicht das „Füreinander Singen“, sondern das „Miteinander die Freude am Singen teilen“ steht dabei im Vordergrund.
Jede Chorprobe muss das Spannungsverhältnis zwischen Zutrauen und Abverlangen aushalten. Schmunzelnd meint Lehr: „Bei mangelndem Selbstvertrauen der Sänger ist es bisweilen ratsam, den Hund zur Jagd zu tragen“. Den Satz: „Des Stück is‘ nix!“, möchte er nicht hören. Sattdessen gibt er zu bedenken, dass man erst über ein Musikstück urteilen kann, wenn es intensiv erarbeitet ist. Dass manch einer danach immer noch sagt: „Das gefällt mir nicht“, ist meist nicht zu verhindern.
Bei allen Aktivitäten ist der Chorleiter als Animateur stark gefordert: „Vormachen“ heißt die Devise, auch im Gottesdienst! Ansingen und Anleiten, Einbeziehen der Gemeinde… so z.B. bei Konfirmationen, wenn in einer Probe vorbereitete Eltern die bunt gemischten und oft kirchenfernen Gottesdienstbesucher unterstützen. Grundsätzlich bewährt haben sich Kanons, die mit einem einfachen Ostinato unterlegt werden. (Die Gemeinde übernimmt hierbei den sich immer wiederholenden Ostinato, während der Chor den Kanon entfaltet).
Hier: Ostinato- Kanon
An dieser Stelle sieht Lehr auch Pfarrer und Organisten in der Pflicht, die sog. Kernlieder einzuführen und „abrufbar“ zu erhalten, damit Gemeinden im reformatorischen Sinne „singende und mündige Gemeinschaften“ darstellen.
Wer mit mehreren Generationen musiziert, benötigt eine solide musikalische Ausbildung und Praxis. Erfahrung gibt Sicherheit und Flexibilität, sich auf ständig neue Situationen einzulassen. Mal „etwas Krummes gerade sein zu lassen“ gehört auch dazu. Nicht zuletzt spielt die Intuition des jeweiligen Chorleiters eine große Rolle. Menschenkenner sind hierbei klar im Vorteil.
„Musik ist nicht generationengebunden, sondern ein Kernbedürfnis des Menschen, sich mitzuteilen“ sagt Lehr abschließend. Darauf aufbauend ist es möglich, mit Menschen aller Altersgruppen zu singen: „Wenn das gemeinsame Musizieren als Wesensäußerung die Basis ist.“
Tabea Wilhelm

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