Highlight über Highlight:
Studienreise nach England

Wer hätte sie nicht auch gerne bei sich in der Kirche, die Klangwelten englischer Kathedralmusik mit ihren hochromantischen Harmonien, mit ihren großräumig ineinander übergehenden Dynamikabstufungen? Zumindest wer die farbigen Harmonien in den liturgischen Kompositionen von Landeskantor Klomp kennt und schätzt, wird dafür Verständnis haben: Zur Hochburg dieser Musikpflege mussten wir KirchenmusikerInnen von Süd- und Mittelbaden nun einfach einmal hinfahren und diese studieren...!

So nutzten wir einen turnusgemäßen Zuschussfonds der Landeskirche, um uns dieses Ziel
(bei einer noch deutlich spürbaren Eigenbeteiligung der MitfahrerInnen) zu ermöglichen. Die Reisezeit war so geschickt gewählt, dass alle OrganistInnen zwischen zwei Dienstsonntagen dennoch fast eine ganze Woche London und Cambridge erleben konnten. Carsten Klomp, der die Reise für uns organisiert und den Kontakt zu den englischen KollegInnen hergestellt hatte, hatte im Vorfeld wirklich nicht zu viel versprochen: wir würden an den besuchten anglikanischen Kirchenmusikzentren wahrhaftige Highlights kennen lernen und das nicht nur durch die zum Teil als gigantisch zu bezeichnende Größe der Orgelinstrumente in der St. Paul’s Cathedral, der Westminster Cathedral in London und der Selwyn College Chapel in Cambridge.

Erstrangige Londoner Orgelvirtuosen wie Martin Baker in Westminster und Samuel Johnson in St.Paul’s öffneten uns großartig kollegial ihren Erfahrungsschatz. Bestaunen konnten wir ihr Geschick, mit dem sie die akustischen Verzögerungen der 30 bis 60 Meter auseinander stehenden Orgelwerke beherrschten und effektvoll nutzten. Dies zählte ganz gewiss neben der monumentalen Klanggewalt der mächtigen 32-Fuß-Holzprinzipale und der spanischen Bombardenchöre zu den stärksten Eindrücken, die wir erfahren durften.

Cambridge beherbergt zum Beispiel neben dem weltbekannten King’s College auch das bislang bei uns noch nicht so bekannte Selwyn College mit einer ganz neuen, großen Orgel, deren Bauart im Gegensatz zu den elektrisch gesteuerten Kathedralorgeln mechanisch und eher an barocken Vorbildern orientiert ist. Eine Orgelvorführung durch die College-Organisten Clive So und Ian Tindale entführten unsere Sinne einerseits in fernöstliche Moderne und andererseits in eine graue anglikanische Frühzeit. Wie erfrischend erklang dann aber plötzlich wohltuend ordnend Bachs F-Dur-Toccata von der Orgelempore, mit der unser Landeskantor Carsten Klomp sozusagen „aus dem Ärmel“ das Instrument neben seiner runden frakophilen Intonation auch auf Ansprache, Durchsichtigkeit und Barock-Tauglichkeit prüfte.

Den eigentlichen Grund der Studienreise bildete daneben aber ganz eindeutig der uns gewährte Blick hinter die Kulissen legendärer englischer Knabenchöre. Der erhoffte Höhepunkt mit Probe und Evensong in der St.Paul’s Cathedral am Abend vor dem Abreisetag wäre gewiss auch ein solcher gewesen, hätten wir Chorleiterinnen und Chorleiter nicht an den Vortagen die viel vorbildlichere Probenarbeit von Martin Baker mit seinem Westminster Cathedral Choir miterleben dürfen. Dabei wurde uns klar: Einerseits führt nur die überdurchschnittlich hohe Musikalität der minutiös ausgewählten Knabenstimmen aus dem ganzen Land sowie ein an Chor-, Stimm- und Einzelproben, an Musik- und Instrumentalunterricht reicher täglicher Stundenplan und das täglich öffentlich gottesdienstlich gesungene Stundengebet „Evensong“ neben dem normalen Schulunterricht im Internatsleben zu dieser enormen Leistung. Andererseits erlebten wir hier einen begnadeten Musiker und Chorleiter, der in allen Probenphasen am Instrument und mit seiner Gestik absolut bewunderungswürdig auf die jungen Stimmen stützend und fördernd einging. Das befähigt die höchst engagierten kleinen Sänger herausragend aus den 32 englischen Knabenchören bis hin zu CD-Aufnahmen, in denen sie zur Zeit unserer Studienreise wieder einmal gerade „mitten drin steckten“. Ganz im Gegensatz übrigens zu einer gängigen Meinung, man müsse der Akustik großer hallender Kirchenräume durch überpointiertes, geradezu schroffes Artikulieren begegnen, bestand Martin Baker bei seiner Chorschulung auf einem sehr dichten Legatogesang. Dieser wird - so betonte Baker voller Überzeugung - die hörende Gemeinde vor allem bei dem polyphonen, melismenreichen wie auch homophonen Repertoire von Palestrina, Byrd und Purcell über Williams bis hin zu Bruckner und Brahms auch über weite Entfernungen hinweg aussagekräftig erreichen. Zu bestaunen war für uns die hohe Ernsthaftigkeit, mit der sich alle Beteiligten „ihrer Kirchenmusik“ widmeten.
Was uns darüber hinaus bisher völlig fremd war, trägt die Bezeichnung „Bell ringing“, eine überaus englische Art von Kirchenmusikpflege, die mit dem gleichen Ernst wie der Chorgesang in fünftausend Glockenstuben Englands von Mitgliedern verschiedenster Altersstufen wie eine eigene musische „Sportart“ betrieben wird. Wir durften auf unserer Studienreise die Glockenstube der St.Giles Church London mit ihren 12 Glocken und der „Ancient Society of College Youth“ unter Leitung von „Tower Guard“ Gwen Rogers kennen lernen. Hier wird das Glockenspielen von mehreren 12er-Gruppen in einer ununterbrochenen, auf das Jahr 1617 zurückgehenden Tradition wöchentlich geübt und gepflegt. Dabei bespielt jedes Team-Mitglied in sehr schneller Reihenfolge und einer für Außenstehende unfassbaren Ordnung eine der zugewiesenen Glocken. Jährliche Wettbewerbe führen etwa 24 „Glöckner-Teams“ aus ganz England zusammen, um die beste „Mannschaft“ und das präziseste aufeinander abgestimmte Spiel zu ermitteln. Teamgeist und Teamwork sind dabei oberstes Gebot.

Die Frucht von Jahrhunderte überdauernden Traditionen erlebten wir ChorleiterInnen aus Süd- und Mittelbaden dann auch beim Selwyn College Chapel Choir in Cambridge unter Leitung der kanadischen Chorleiterin Sarah McDonald. Die nicht allzu große, aber altehrwürdige College Chapel ist ständiger Proben- und Auftrittsort dieses studentischen Kammerchores. Nicht nur um den Probenraum mussten wir die hier erlebte Chorarbeit eigentlich „beneiden“. Wie bei den anderen besuchten Chören bewunderten wir das absolut engagierte, frei herausgehende, auch dem Sologesang verpflichtete furchtlose Musizieren. Dies alles wirkte auf uns neben der nahezu selbstverständlich lupenreinen Chor-Intonation bei einer immer freundlichen Probenatmosphäre sowie einer zu jeder Sekunde höchst präsenten Aufmerksamkeit wie aus einer anderen Zeit.

Zurück in London holte uns schon der Schritt auf die ständig überfüllten Straßen und Plätze Londons abrupt in die Realität zurück. Unsere eigene kirchenmusikalische Realität kam uns KirchenmusikerInnen dabei unweigerlich mit dem Gedanken an das nach der Rückfahrt wieder vor uns liegende kontinentale „Ackerfeld“ in den Sinn. Sicher gilt bei uns nach wie vor, andere Ziele im Auge zu behalten; so etwa desorientierte, wenig musikalische oder überhaupt nicht gut hörende, ja oft auch permanent störende Kinder für eine sakrale Musizierpraxis in unsere Kirchen zu gewinnen. Es wird auch weiterhin gelten, unsere städtischen wie ländlichen Kantoreien, Sing- und Instrumentalkreise ständig an Artikulation, Klangsinn und reine Intonation unbeirrt heranzuführen, auch wenn unseren oftmals stumpfen Räumen jegliche tragende Akustik fehlt. Ein jeder Kollege wird auch weiterhin die hiesigen oft sparsamen Orgeln bis hin zu jämmerlichen Örgelchen zu einem jubilierenden „Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto“ zu erwecken haben, nicht selten unter persönlich beängstigenden oder bedrückenden klerikalen Bedingungen...
Dies alles kann uns aber besser gelingen, weil wir nicht nur auf ein „Himmlisches Jerusalem“ warten, sondern hier musikalischen „Himmel auf Erden" kennen lernen durften. So manch „einzelkämpfender“ Kollege durfte dieses Ziel für das örtliche Umfeld und für sich allerdings schon erreichen. Es nicht aus den Augen zu verlieren, hat die kirchenmusikalische Studienreise nach England im Oktober 2010 einen sehr wertvollen Beitrag geleistet. Den sollten alle Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker von Baden eigentlich bald mit einem ähnlichen Reiseziel wiederholen.

Helmut A.T. Hoffmann
Bild:
Cambridge, Landeskantoren mit S. McDonald

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