Jahrestagung der EKEK 2010 in England

Die alle zwei Jahre stattfindende Tagung der EKEK (Europäische Konferenz für evangelische Kirchenmusik) wurde im vergangenen Jahr zum ersten Mal in England durchgeführt und stand unter dem Thema „Chormusik in den Kathedralen mit klösterlicher Tradition“.
Hier in Worcester in Zentralengland bekamen die 50 Tagungsteilnehmer aus 13 europäischen Ländern einen Einblick in englische Chormusiktradition auf höchstem Niveau.

In den Kathedralen Englands waren die Gottesdienste schon seit dem Mittelalter durch den Chorgesang geprägt, und diese Tradition hat sich auch nach der Ablösung der anglikanischen Kirche von Rom mit der damit verbundenen Auflösung der Klöster im Jahr 1540 fast ohne Unterbrechung bis heute erhalten. Deshalb stand die Arbeit der Domsingschule im Mittelpunkt der Tagung.

In den täglich stattfindenden Abendgebeten (Evenprayer oder Evensong) um 17.30 Uhr singen die Domsingknaben an den meisten Werktagen, darüber hinaus regelmäßig im Sonntagsgottesdienst und am Sonntagnachmittag auch noch in einem zusätzlichen Evensong um 16 Uhr. Die „Cathedral boys“ müssen diese zahlreichen Auftritte allerdings nicht allein bewältigen, einen Teil davon übernimmt ein gemischter Chor aus 14-18jährigen Mädchen und erwachsenen Männern.

Adrian Lukas, Organist und Leiter der Chorknaben, gab uns einen fundierten Einblick in die Arbeit des Knabenchors. An den Schultagen ist für die 10-12jährigen Jungen um 8.15 Uhr Chorprobe bis zum Beginn des Unterrichts um 9 Uhr. Nachmittags nach dem Unterricht treffen sie sich um 16.15 Uhr, um sich auf den Auftritt im Evensong vorzubereiten. Zu dieser Probe kommen dann auch die erwachsenen Tenöre und Bässe dazu.

Die Evensongs finden immer im Chor der Kathedrale statt, der dieselbe Länge hat wie das - normalerweise unbestuhlte - Kirchenschiff. Sowohl die Kirchenbesucher wie auch die Sänger sitzen im Chorgestühl einander gegenüber, jeweils 9 Knaben in der ersten Reihe, dahinter jeweils 3-6 Männer. Das Repertoire reicht von gregorianischen Gesängen über die Polyphonie der Renaissance, doppelchörige Werke der Barockzeit, achtstimmige Werke deutscher Komponisten der Romantik bis zum berühmtesten englischen Komponisten Edward Elgar (1857-1934) und neuzeitlichen Komponisten, die speziell Werke für die Domsingschule schreiben. Dabei singen die Jungen die schwierigsten polyphonen Passagen mit erstaunlicher Sicherheit, Präzision und stimmlicher Sauberkeit. Begleitet wird der Chor von einer erst 2001 erbauten Orgel, die in zwei Teilen über dem Chorgestühl an den Seitenwänden angebracht ist und von einem Spieltisch seitlich hinter dem Chorgestühl aus bedient wird.

Dass die herausragende Chortradition an den englischen Kathedralen eine Besonderheit darstellt und nur mit großem finanziellem Aufwand (überwiegend Spenden der Kirchenbesucher) erhalten werden kann, zeigten die Referenten Lindsay Gray, Direktor der Royal School of Church Music (RSCM) und Geoff Weaver, ehemaliger Studiendirektor der RSCM, in ihren Referaten über die englische Chormusik. Die Aufgabe der RSCM, die mit 15 hauptamtlichen Mitarbeitern ihren Sitz in Salisbury hat, betreut und fördert Chöre, Chorleiter und Organisten nicht nur in England, sondern weltweit, in Europa, USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika. In vielfältigen Projekten wird versucht, kirchenferne Jugendliche anzusprechen, z.B. mit Festgottesdiensten mit mehreren Schulchören, Gründung von Jugendchören, Wochenenden mit Sport, Spiel und mit speziell für diese Anlässe komponierten Liedern. In den kleinen Gemeinden gibt es wenig Chöre, aber seit 40 Jahren werden wieder Chöre gegründet, die z.B. südafrikanische oder Taizélieder singen, z.T. auch mit Begleitung einer Band.

Einige EKEK-Mitglieder, die am Sonntagmorgen an einem Gottesdienst einer anglikanischen Gemeinde am Rande von Worcester teilnahmen, lernten dort auch die andere Seite, nämlich die normalen Verhältnisse der Kirchenmusik kennen. Der Chorleiter dirigierte von der Empore der Chororgel aus den im Chorgestühl gegenüber stehenden neunköpfigen Chor, der sich redlich bemühte, einen Bachchoral - wohl den Besuchern zu Ehren - in deutscher Sprache zu singen. Dafür war der Empfang in der Gemeinde sehr herzlich und persönlich, denn im Anschluss an den Gottesdienst gab es im hinteren Teil der Kirche noch die Möglichkeit zum Gespräch bei Kaffee, Tee und Kuchen.

Sehr zur Überraschung der Tagungsteilnehmer wurde am Sonntag nach dem Evensong im unbestuhlten Kirchenschiff der Kathedrale eine Band aufgebaut, die bis spät abends mit ohrenbetäubender Lautstärke ein Jugendkonzert gab - die Aufsicht führenden Erwachsenen trugen alle Ohrstöpsel.

Die Frage, ob die englische Kirche mehr protestantisch oder katholisch geprägt ist, beantwortete uns der Dekan von Worcester in einem Referat über die wechselvolle Geschichte der Reformation in England. In der Mitte des 16. Jahrhunderts wurden englischsprachige Bibeln und Predigten eingeführt, auch die lateinische Liturgie wurde bald durch die englische ersetzt und die sieben Stundengebete auf zwei reduziert, die es heute noch als Morning- und Evenprayer gibt. Seit der Herrschaft der Königin Elisabeth I. (1580-1603) hat sich die englische Kirche endgültig durchgesetzt mit einer Liturgie, die sowohl durch traditionelle katholische als auch reformatorische Elemente geprägt ist. Dabei ist die Beibehaltung der Bischofssitze in den Kathedralen und die große Chormusiktradition bemerkenswert.

Ausflüge zum Elgar-Museum, zu den Malvern Hills im Westen von Worcester mit Besichtigung der “Malvern Priory” und nach Great Witley mit seinen Barockkirchen rundeten das Tagungsprogramm ab.
Zum Abschluss dankten die Tagungsteilnehmer herzlich Geoff Weaver für die ausgezeichnete Vorbereitung und Durchführung der Tagung.
Die nächste Ländertagung der EKEK wird anlässlich des 450jährigen Jubiläums des Genfer Psalters im Jahr 2012 in Genf stattfinden.

Erika Kranz
Bild:
Worcester, Kathedrale

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