Stadtkirche Karlsruhe:
Musikalische Neuentdeckungen

Es stellt immer ein Risiko dar, mit einem Chor unbekanntere oder schwierige Werke einzustudieren:
Fluktuation von ChorsängerInnen, Skepsis angesichts wenig sangbarer Linien, anstrengende und zeitintensive Probenarbeit und eine schlecht kalkulierbare Zahl von Zuhörern und damit ein finanzielles Risiko sind nur einige der zu bedenkenden Faktoren eines solchen Unternehmens.
So ist es einem Chorleiter nicht hoch genug anzurechnen, trotz dieser voraussehbaren Unbillen, solches zu wagen.

Anfang 2010 wurde von Christian-Markus Raiser mit seinem Bachchor Karlsruhe das Projekt der von Ton Koopmann rekonstruierten Markus-Passion J. S. Bachs in Angriff genommen. Da einzig das Textbuch von Picander erhalten geblieben war, wählte Ton Koopmann, ein profunder Bachkenner, Arien und Chorsätze aus bis Ostern 1731 (Zeitpunkt Uraufführung der Markuspassion) komponierten Werken J. S. Bachs, um im Parodieverfahren die Texte zu vertonen. Die Rezitative komponierte Koopmann im Stile Bachs ergänzend hinzu.
So beschränkte sich das Neue in diesem Fall auf die Zusammenstellung der Stücke. Die Gesangsparts hielten sich von den Schwierigkeiten in Grenzen, das Meiste klang vertraut.
Doch wie würde das Ganze vom Publikum aufgenommen und akzeptiert werden?
Am Karfreitag 2010 war es dann soweit: 279 Jahre nach der Leipziger Uraufführung der Bachschen Passion, wurde als Karlsruher Erstaufführung in der ausverkauften Stadtkirche Karlsruhe eine Markus-Passion zum Klingen gebracht, die in dieser Form zwar nicht von Bach selbst stammte, aber durchaus als eine der überzeugendsten gewertet werden darf. Solisten und der gut aufgelegte Bachchor Karlsruhe meisterten ihre Aufgabe unter Christian-Markus Raisers Leitung mit großartiger Intensität und viel Freude und das Publikum dankte es mit lang anhaltendem Applaus.

Ende April bot dann der CoroPiccolo zusammen mit dem Raschèr Saxophone Quartet ebenso unter der Leitung von Christian-Markus Raiser in Karlsruhe noch nie Gehörtes: In diesem Konzert wurde – neben Robert Schumanns Missa Sacra op. 147 und drei für Saxophon-Quartett arrangierten Contrapuncti aus der Kunst der Fuge Johann Sebastian Bachs – zwei Werke zeitgenössischer Komponisten aufgeführt.
Zum einen die „Biblischen Bilder“ des 1939 geborenen norwegischen Komponisten Ketil Hvoslef, zum anderen als letztes Stück des Konzertes das von dem 1935 geborenen Gija Kantscheli 2005 für Chor und Saxophon-Quartett komponierte „Amao Omi“.
Kam ersteres den Zuhörern (und wohl auch den ChorsängerInnen) noch eher spröde und ungewohnt entgegen, so merkte man der Komposition Kantschelis seine Auseinandersetzung mit Themen wie Filmmusik, Volkslied und auch moderner Unterhaltungsmusik in durchaus positiv zu wertender Art und Weise an, ohne dass die Komposition dabei platt, anbiedernd oder belanglos wirkte.

Als nächstes wagte der Cantus Juvenum Karlsruhe unter der Leitung von Hans-Jörg Kalmbach die Einstudierung zweier Kinderopern: Zum einen die Kinderoper „Brundibár“ des 1944 im KZ Theresienstadt ermordeten Hans Krása, zum anderen eine eigens für den Chor in Auftrag gegebene Komposition („Oasis“) der renommierten israelischen Komponistin Tsippi Fleischer.
Gerade bei dieser Komposition kamen die meisten der Kinder wohl zum ersten Mal mit neuer Musik in Berührung, sie mussten sich mit unbekannten Notationsarten, Rhythmen und Sprachen (zum Teil wurde auf Arabisch gesungen!) auseinander setzen. Dies gelang allen Kindern sehr gut und obwohl die Zusammenführung der doch sehr unterschiedlichen Welten – die der hier lebenden Kinder mit der der in Israel lebenden Komponistin – durchaus noch mehr Zeit in der Vorbereitung hätte vertragen können, um zu einer Einheit zusammen zu wachsen, wurde diese Welturaufführung von „Oasis“ im Doppelpack mit der Aufführung der Kinderoper „Brundibár“ Anfang November in der Stadtkirche Karlsruhe vom Publikum zu Recht mit viel Beifall belohnt.

Den weitaus schwersten Brocken bildete dann doch das vom Bachchor Karlsruhe unter der Leitung von Christian-Markus Raiser zusammen mit der Melanchthon-Kantorei Mannheim (Leitung: Christiane Brasse-Nothdurft) einstudierte „Buch mit sieben Siegeln“ von Franz Schmidt.
Allein schon sich als Chorleiter in seinem gewohnten Selbstverständnis als Führungsperson zurücknehmen zu können, sich mit einem anderen Chorleiter, mit anderen Stärken, Schwächen und Ansichten auseinanderzusetzen und auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, ist eine große, nicht selbstverständliche Leistung und bedarf eines gefestigten Selbstbewusstseins!
Doch zunächst probten die Chöre getrennt voneinander. Viel Zeit wurde auf das reine Töne einstudieren verwendet, denn in Zwölftontechnik komponierte Fugen singt nicht jeder Chorsänger sicher vom Blatt …
Übe-CDs wurden verteilt, mit denen zu Hause ergänzend weitergeübt werden konnte und alles dann schließlich bei einem gemeinsamen Probewochenende der beiden Chöre zusammen gefügt. Sogar William Spaulding, Chorleiter der Deutschen Oper Berlin, wurde als „Hospitant“ in die Probenarbeit einbezogen. Er begeisterte und motivierte in seinem überschäumenden Enthusiasmus für das Werk und unbelastet von der Verantwortung für das Ergebnis die ChorsängerInnen in der Probenarbeit immer wieder aufs Neue! Als ein Stück „Karlsruher Musikgeschichte“ wurde die Aufführung vom Redaktionsleiter der Badischen Neuesten Nachrichten bezeichnet, da Madame Harrietta Krips ihren Besuch für das Konzert ankündigte. Sie ist die Witwe des bedeutenden Dirigenten Josef Krips, der 1925-32 den Bachchor leitete, dann Karlsruhe verlassen musste und als Wiener und Schmidt-Kenner in den fünfziger Jahren einer der Hauptverbreiter dieses Werkes war. Nur in Karlsruhe führte er es leider nicht auf.
Ende November war es schließlich soweit: Im Rahmen des „Trost-Projektes“ Karlsruhe erklangen eine Karlsruher Erstaufführung des „Buch mit sieben Siegeln“ von Franz Schmidt in der Stadtkirche Karlsruhe unter der Leitung von Christian-Markus Raiser und am nächsten Tag eine Aufführung in der Christuskirche Mannheim unter der Leitung von Christiane Brasse-Nothdurft und krönten die intensive musikalische Schwerstarbeit, die vom Publikum mit stehenden Ovationen honoriert wurde!

Sylvia Hellstern
Bild: Brundibár

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