Ernst Wacker zum 90. Geburtstag

Am 24. April wurde der ehemalige Bezirkskantor von Lahr, Ernst Wacker, 90 Jahre alt. Geboren und aufgewachsen ist er als Ältester von zwölf Geschwistern in einer landwirtschaftlichen Familie in Edingen am Neckar. Bereits als Jugendlicher wurden ihm Organisten- und Chorleiterdienste in der Heimatgemeinde übertragen. Wacker erhielt als Schüler Orgelunterricht bei Ludwig Mayer, dem Kantor der Mannheimer Trinitatiskirche und legte 1943 am humanistischen Gymnasium in Heidelberg seine Abiturprüfung ab. Nach zweijährigem Kriegseinsatz nahm er 1945 das Studium am Kirchenmusikalischen Institut in Heidelberg auf. Zu seinen Lehrern gehörten u.a. Poppen, Fortner und Siegfried Hermelink; von letzterem empfing er starke Impulse für seine eigenen Forschungen zum Werk Bachs. Begleitend studierte er Musikwissenschaft und Theologie an der Universität Heidelberg. Mit seinem Kommilitonen Enrico Raphaelis, dem langjährigen Bezirkskantor in Lörrach, verband ihn eine lebenslange Künstlerfreundschaft. Nach einer ersten Kantorenstelle in Schwetzingen wurde Ernst Wacker 1959 die neu geschaffene Bezirkskantorenstelle an der Stiftskirche in Lahr übertragen. Neben den Gottesdiensten der beiden Stiftspfarreien begleitete er auch die anglikanischen Gottesdienste der kanadischen Garnison, baute die Kantorei aus, indem er den Chor mit Kräften aus dem Bezirk verstärkte, gründete das Collegium musicum, mit dem es möglich wurde, auch groß besetzte Werke der Oratorienliteratur aufzuführen. Er sorgte bei vielen Orgeln im Bezirk für deren Erhalt oder Sanierung, initiierte und plante den Neubau der großen Orgel in der Stiftskirche, vergab Kompositionsaufträge (z.B. an Kurt Boßler), kooperierte aufs Engste mit Karl Otto Bäder bei der Aufführung von dessen Werken (z.B. „Markuspassion“), begründete die Reihe der Lahrer Sommermusiken an der Stiftskirche und gestaltete Kantatengottesdienste und Oratorien-aufführungen auch in den Landgemeinden seines Bezirks. Als Pfarrer Klatt ihn Mitte der 60er Jahre zur Gründung eines Chores nach Allmannsweier rief, war Wacker auch da zur Stelle und leitete den Chor über zwanzig Jahre neben seinen Kantoratsverpflichtungen. Die Ausbildung junger Organisten und Chorleiter lag ihm besonders am Herzen. Seine Schüler, zu denen u.a. Claus Biegert (Konstanz) und Traugott Fünfgeld (Offenburg) gehören, unterrichtete er an den Orgeln ihrer Heimatgemeinden, gestaltete mit ihnen Orgelmusiken, unternahm mit ihnen Orgelfahrten ins Elsaß, nahm sie mit hinein in die Aufführungspraxis der Kantorei, traute ihnen früh etwas zu und steckte sie so mit seiner immerwährenden fröhlichen Begeisterung für die klingende Verkündigung des Schöpferlobs an. Seine kirchenmusikalische Praxis wurde begleitet von einer jahrzehntelangen wissenschaftlichen Erforschung der Werke Bachs, die im Jahr 2000 in eine Publikation zum „Wohltemperierten Klavier“ mündete, die er aus gesundheitlichen Gründen aber nicht abschließen konnte. Erinnert sei an sein mit avantgardistischen Klangmitteln gestaltetes „biblisches Organum“, ein halbstündiges Werk für Orgel und Vibraphon mit dem Titel „Lithophonia“ (1980), an die Aufführung von Beethovens 9. Sinfonie mit der Concordia Lahr, die er ebenfalls leitete, an Haydns „Schöpfung“ im Denkmalhof unter freiem Himmel, an die Bachschen Passionen in der Meißenheimer Kirche, die er ob ihrer akustischen und räumlichen Qualitäten gerne als „Philharmonie des Herrn“ titulierte, an die Aufführung aller drei Passionen von Schütz in der Karwoche 1984 mit dem unvergesslichen Evangelisten Bollhöfer, an seine eigene, volltönende Bassbaritonstimme und sängerische Gestaltungskunst z.B. in Händels Arie „Sie schall, die Posaun“ und schließlich an die für die letzten Dienstjahre aufgesparte Oratorien-Trias „Brahms/Requiem – Bruckner/Tedeum – Beethoven/Missa solemnis“, mit der der Bezirkskantor nach 31 segensreichen Dienstjahren 1990 in den Ruhestand trat. Der Kreis seiner Schüler, ehemaligen Sänger und Hörer erinnert sich mit großer Dankbarkeit und wünscht dem Jubilar und seiner Frau Gottes Segen.
(Thomas Nierlin, Leipzig)

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