„Die Reformation und das Singen“ - Vortrag von Prof. Dr. Martin Mautner beim Chorfest in Heidelberg

Anlässlich unseres Chorfestes lade ich Sie ein zu einer Beschäftigung mit dem Singen in unseren Gottesdiensten und besonders mit dem wichtigsten Hilfsmittel dafür – dem Gesangbuch nämlich.
Wir werden zunächst gemeinsam einen Blick in die Geschichte unserer Gesangbücher werfen, und hernach ein paar Beobachtungen anstellen zu der Frage, was die neueste Gesangbuchentwicklung bereithält.
Wie kommt es zu unseren Gesangbüchern und der großen Bedeutung, die sie in der Geschichte unserer Evangelischen Kirche hatten und haben?

Singen und Musizieren gehört von Anfang an zum jüdischen – und damit später zum christlichen – Kultus hinzu. Jubal wird als der erste Kultmusiker (vokal und instrumental) genannt – der Kultmusiker ist damit nach dem Ackerbauern Kain und dem Hirten Abel der dritte in der Bibel genannte Berufsstand. Priester werden erst viel später genannt, was zu erkennen meine Kirchenmusikstudentinnen und –studenten regelmäßig freut. Wie wir aus nichtchristlichen Quellen (etwa dem Brief des Statthalters Plinius von Bithynien an Kaiser Trajan um 113 n. Chr.) wissen, wurde das Singen geradezu als Erkennungsmerkmal der frühen Christengemeinden angesehen.

Textbücher für das Singen gibt es schon sehr lange – denken wir an den Psalter im Alten Testament unserer Bibel; aber eben ohne beigefügte Noten, deren Schrift noch nicht erfunden war.
Textbücher mit Dirigierzeichen, sogenannten Neumen, kennen wir aus dem Besitz einiger Singmeister frühmittelalterlicher Klöster.
Nach der Erfindung der Notenschrift im 11. Jahrhundert entstehen riesige und kunstvoll ausgestattete Kantionalia im Folianten-Format; sie wurden für die Scholen, also den Chor von Mönchen hergestellt, die im Gottesdienst zu singen hatten. Man schlug die mit Metallbügeln zusammengehaltenen Bücher mit der Faust oder der Handkante auf, stellte sie auf gewaltige Holzständer, so dass vielleicht zwanzig Sänger sie einsehen konnten. Ein Mönch wurde beauftragt die Pergamentseiten umzublättern.
Zwar hatten manche Nonnen und Mönche auch kleine handgeschriebene Auszüge aus solchen Kantionalia in Gebrauch, Gesangbücher im eigentlichen Sinne waren das aber noch nicht, weil die Gemeinde vom gottesdienstlichen Singen weitgehend ausgeschlossen war.
So wollte es die Gottesdienstordnung, die Papst Gregor I. um 600 für Rom und den Erdkreis erlassen hatte.

Dass die Gemeinden den Gottesdienst nur passiv erlebten, änderte sich in der Zeit der Reformation, in der die aktive Beteiligung der Gemeinde am Gottesdienst ja zu einem zentralen Anliegen wurde. Was das Singen anbelangt, hatten allerdings die Reformatoren unterschiedliche Auffassungen – im wesentlichen waren es drei Positionen.
Zunächst möchte ich eine Extremposition nennen: Huldrych Zwingli, der Reformator der Stadt Zürich, war dem Singen gegenüber zwar grundsätzlich aufgeschlossen, aber nicht im Gottesdienst, weil das – wie er meinte – von der Konzentration auf Gottes Wort ablenke. Ob wohl von dieser Sichtweise der Vorwurf der Wortlastigkeit unserer evangelischen Gottesdienste herrührt? Zwingli jedenfalls stellte die Ablenkung durch das Singen auf eine Stufe mit der Ablenkung durch Heiligenfiguren oder –bilder in den Gottesdiensträumen und ließ deshalb den Bildersturm im Kanton Zürich 1528 zu, bei dem auch die Orgeln demontiert wurden. Dieses historische Faktum wiegt umso schwerer, als wir ohne diese Zerstörung in der Schweiz aller Wahrscheinlichkeit nach einen beträchtlichen Schatz mittelalterlicher Orgeln hätten. So befindet sich die älteste spielbare Orgel der Welt ja tatsächlich in der Schweiz: nämlich in der Kirche Notre Dame de Valère in Sion/Sitten im Wallis.
Welche problematischen Erfahrungen mit dem Singen bei Zwingli zu einer solchen Position geführt haben, ist fraglich – vielleicht sind ihm theologisch fragwürdige Gesänge zu Prozessionen aufgefallen, vielleicht haben ihnen die vieltausenden Sequenzen – lateinische Strophenlieder - mit zweifelhaftem Inhalt gestört, vielleicht wandte er sich auch gegen die Lieder der sogenannten Reisläufer, also der damals zahlreiche Schweizer Söldner in ausländischem Militärdienst, die er ja zeitweise als Militärseelsorger begleitete? Wir wissen es nicht. Wir wissen, dass Zwingli selbst ein guter Musiker war und auch mehrere Lieder gedichtet und komponiert hat – nur eben nicht für den Gottesdienst, sondern lediglich zum Privatgebrauch. In unserem Gesangbuch findet sich eines: EG 242 Herr nun selbst den Wagen halt.

Völlig anders hat Martin Luther das Singen und Musizieren betrachtet. In seiner Vorrede zum Babstschen Gesangbuch (das nach dem Drucker Valentin Babst so heißt) 1545 heißt es: „Singet dem Herrn ein neues Lied, singet dem Herrn alle Welt. Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solchs mit Ernst gläubet, der kanns nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen.“ Hieraus und aus entsprechenden Äußerungen in seinen Tischreden erfahren wir, dass Singen für Luther also die eigentliche Sprache des Glaubens ist – wie ja schon in unserer Bibel von den ersten bis zur letzten Seite: denken wir an Jubal, den ersten Kultmusiker (der vokal und instrumental musizierte), die Cantica des Mose, der Miriam oder der Richterin Deborah zählen zu den ältesten Texten des AT überhaupt; denken wir an das Hohelied, die Psalmen, die berühmten Cantica in der lukanischen Weihnachtsgeschichte (das Magnificat der Maria, das Benedictus des Zacharias, das Nunc Dimittis des Simeon); denken wir an die Lieder der Urchristenheit, die Paulus in seinen Briefen erwähnt, die Gesänge der himmlischen Thronliturgie in der Offenbarung des Johannes und und und….
Außerdem dient gottesdienstlicher Gesang dem Ziel der Gemeindebeteiligung, das Luther äußerst wichtig war; ferner lehren die Lieder die wesentlichen Inhalte des christlichen Glaubens (vor allem die sogenannten Katechismuslieder wie etwa „Dies sind die heilgen zehn Gebot“, „Wir glauben all an einen Gott“,usw.; Rechtfertigungslehre (EG 341: „Nun freut euch lieben Christen gmein“) usw.) – so übersetzt, dichtet, komponiert und adaptiert Luther fleißig Psalmen (z.B. „Ein feste Burg ist unser Gott“ oder „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“), Hymnen („Nun komm der Heiden Heiland“ oder „Komm Gott Schöpfer heiliger Geist“), Leisen (Prozessionslieder mit einem Kyrieleis an den Strophenenden – z.B. „Gelobet seist du Jesu Christ“ oder „Christ ist erstanden“), Kinderlieder („Vom Himmel hoch da komm ich her“), Hofweisen („Sie ist mir lieb die werte Magd“ – ein Lied von der Kirche), Zeitungslieder (späterem Bänkelsang vergleichbar – z.B. „Ein neues Lied wir heben an“) und ermutigt viele es ihm gleichzutun; gerade im Luthertum hatte das Singen und die Musik eine enorme Bedeutung (Amt des Kantors wurde in der Barockzeit zentral – denken wir an Johann Walter als den Prototyp, 150 Jahre später an Johann Sebastian Bach als das Ideal und den Vollender dieses Berufs u.v.a.); daneben hat Luther fleißig auch lateinische Messgesänge in die Volkssprache übertragen;

So vieles zu Luther. Neben seiner die Musik besonders wertschätzenden und fördernden Position und Zwinglis völliger Ablehnung für den kultischen Gebrauch gibt es eine dritte – gleichsam eine mittlere: diejenige Johannes Calvins; der neigte zunächst Zwinglis Haltung zu, wurde aber als junger Glaubensflüchtling aus Frankreich im Hause Martin Bucers in der Reichsstadt Straßburg dessen großartigen und herrlich gedruckten Gesangbuchs ansichtig und kam wohl auch nach entsprechenden Diskussionen mit seinem Gastgeber zu dem Ergebnis: Eine völlige Ablehnung des gottesdienstlichen Singens ist nicht schriftgemäß. Deshalb gestand Calvin das Singen während des Gottesdienstes zu, allerdings beschränkt auf die ausschließliche Verwendung biblischer Texte (wie Psalmen, Cantica, Hymnen und dergleichen) – diese ließ er von fähigen Zeitgenossen in elegantes Französisch übersetzen und - mangels einer Kenntnis der ursprünglichen biblischen Melodien - in eine damals hochmoderne musikalische Form bringen. Weil Calvin seiner eigenen Musikalität nicht viel zutraute, überließ er diese Arbeit Berufsmusikern, die der Reformation zuneigten und – wie er selbst – aus Frankreich hatten fliehen müssen. Das Ergebnis ist als Genfer oder Hugenottenpsalter auf uns gekommen, der - 1562 fertiggestellt – die Grundlage des Singens in der reformierten Tradition bildet. Er wurde viele Male vom Französischen in andere Sprachen übertragen, auch ins Deutsche. (Typischer Satz: EG 140 Brunn alles Heils)

Um nun das gemeindliche Singen – besonders im lutherischen Bereich – zu ermöglichen, waren Gesangbücher nötig, die dank der Erfindung des Buchdrucks in recht großen Auflagen hergestellt und verbreitet werden konnten. Das älteste reformatorische Gesangbuch erschien in Prag 1501, war in tschechischer Sprache gehalten; Luther kannte und schätzte es.
In Deutschland bildeten das Achtliederbuch und das Erfurter Enchiridion (beide 1524) den Auftakt. Es folgten unzählige weitere. Die bedeutendsten: das von dem Drucker Luft 1529 edierte, das der Böhmischen Brüder (von Michael Weisse 1531 herausgegeben), das Begräbnisgesangbuch Luthers und – als Luthers musikalisches Vermächtnis gleichsam das von Valentin Babst des Jahres 1545, also des letzten Lebensjahres Luthers.
Das erste Chorgesangbuch mit mehrstimmigen Sätzen erschien 1526, bearbeitet vom Wittenberger Hofkapellmeister und Freund Luthers Johann Walter. Diese Gesangbücher waren derart erfolgreich, dass ab 1537 (dem Vehe-Gesangbuch) auch katholische Bücher erschienen.

Bald war aufgrund der territorialen Zersplitterung Deutschlands, des jeweiligen obrigkeitlichen Kirchenregiments und unterschiedlicher Frömmigkeitsströmungen (Pietismus – Rationalismus) die Zahl der verschiedenen Bücher unübersehbar geworden.
Dass mit den Gesangbüchern auch Religionspolitik gemacht wurde, zeigt sich etwa auch in Preußen, wo einmal ein Gesangbuch sogar mit Hilfe des Landsturms gegen den Willen der Gemeinden eingeführt wurde. Die Gesangbücher des 17. und frühen 18. Jahrhunderts sind zuweilen sehr umfangreich – wie etwa die Praxis Pietatis Melica, die fast hundert Jahre lang in verschiedensten Auflagen und zuletzt acht Bänden erschien; sie ist die Hauptquelle für die Lieder etwa eines Paul Gerhardt, des nach Martin Luther am zweithäufigsten in unserem EG vertretenen Dichters.

Im 17. Jahrhundert übrigens wurde es üblich den Gemeindegesang einstimmig mit Begleitung durch ein Tasteninstrument (v. a. Orgel) zu praktizieren.
Die Orgel wurde um 250 v. Chr. von dem griechischen Ingenieur Ktesibios in Alexandria erfunden. Sie diente lange als Juxinstrument auf Jahrmärkten und bei Gladiatorenkämpfen im Zirkus (s. etwa das Fußbodenmosaik der Römervilla im saarländischen Nennig). Reste einer solchen Orgel aus dem späten 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung fand man in einem Heerlager nahe Budapest; eine Rekonstruktion kann im Landesmuseum Rheinland-Pfalz in Mainz besichtigt werden.
Während in Westeuropa die Erinnerung an diese ersten Orgeln in der Völkerwanderungszeit verlorenging, blieb das Instrument im Byzantinischen Reich in Gebrauch – jetzt für Pferderennen.
Nach dem Historiker Einhard brachte kurz vor 800 eine Gesandtschaft aus Konstantinopel an den fränkischen Königshof als Geschenke einen Elefanten (der bald nach der Reise verstarb) und eine Orgel mit. Letztere wurde in der Palastkapelle aufgestellt und erregte allgemeines Entzücken – Nachbauten sorgten für Verbreitung. Heute gilt die Orgel als das Instrument für Sakralmusik in unseren Breiten – und das nach der Vorgeschichte! In der Ostkirche fiele niemandem ein, Orgelmusik im Gottesdienst brauchen zu müssen…

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nahm die Zahl der neuen geistlichen Lieder deutlich ab; die Avantgarde der der Aufklärung zuneigenden Dichter hatte kein Interesse an diesem Genre (Lessing, Schiller, Goethe usw.). Wenige wie Gellert oder Klopstock schufen Neues.Allerdings glänzen in dieser eher trüben Zeit die Lieder des der Aufklärung gegenüber kritischen Matthias Claudius.

Nach der Epoche der Aufklärung und der Ära Napoleons wurde der Ruf nach einem neuen Einheitsgesangbuch laut (zuerst durch Ernst Moritz Arndt 1819 – einem Mann mit einem hochinteressanten Lebenslauf: Sohn eines leibeigenen Landarbeiters auf Rügen brachte er es zum Professor in Bonn). Ursprünglich wollte er gar ein ökumenisches Einheitsgesangbuch mit den Katholiken zusammen haben – wozu wir ja bis heute nicht gelangt sind.
Arndts Vorstoß führte zumindest mit ein paar Jahrzehnten Verzögerung zu Verhandlungen auf der Eisenacher Kirchenkonferenz der evangelischen Landeskirchen 1852 über ein Einheitsgesangbuch.
Zum Entsetzen der Teilnehmenden ergab eine Umfrage unter den Vertretern der Landeskirchen, dass nur noch ein einziges Lied flächendeckend im protestantischen Deutschland bekannt war – Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ nämlich; bei allen übrigen Gesängen handelte es sich um regionales Sondergut.

So entstand die Idee einer Kernliederliste für den Stammteil eines künftigen Einheitsgesangbuchs.
Aus den Konferenzakten lässt sich gut das Ringen der Konservativen, vertreten z.B. durch den Hymnologen Philipp Wackernagel, mit den Progressiven wie dem Pfarrer Johannes Geffcken ablesen.
Die beiden Positionen, denen Sie bei jeder Diskussion um das Singen in unseren Kirchen bis heute und wahrscheinlich ebenso künftig begegnen werden, lauten stark vereinfacht:
Die theologische und musikalische Qualität ist bei der Auswahl entscheidend – und da war eben früher alles besser… Also muss das wertvolle Erbe der Altvorderen bewahrt werden. Das wäre die Position der Konservativen. Oder eben: Man muss Menschen zum Glauben führen – und das gelingt nur, wenn man sich gerade in Sachen Musikgeschmack an den Zeitgeist annähert. Ein Gesangbuch ist ein lebendiges Glaubensbuch und kein Museumskatalog. So dachten und denken die Progressiven. Die Wahrheit liegt wohl – wie meist – irgendwo in der Mitte.
Jedenfalls wurden die nach zähem Verhandeln erreichten Ergebnisse der Eisenacher Konferenz seinerzeit allein in Bayern umgesetzt.

Das erste wirklich landeskirchenübergreifende Evangelische Gesangbuch erschien erst 1915, zu Beginn des Ersten Weltkriegs – und zwar (ein Treppenwitz der Geschichte!) in Form des Auslandsgesangbuchs für Gottesdienste in den deutschen Kolonien. Drei Jahre nach seinem Erscheinen war es überflüssig, wie sich denken lässt…

Die Idee jedoch war erstmals umgesetzt worden. Außerdem hinderte dynastischer Partikularismus nach dem Ende der Monarchien in Deutschland nicht länger – so kam es ab 1926/7 zum DEG, dem Deutschen Evangelischen Gesangbuch. Einer der Mitinitiatoren war der badische Kirchenmusikdirektor Hermann Meinhard Poppen, der Begründer unserer Heidelberger Hochschule für Kirchenmusik.
Dieses deutlich liberale und der neuen demokratischen Zeit gegenüber sehr aufgeschlossene Werk wurde nach und nach in den Landeskirchen eingeführt – allerdings nicht mehr bei uns in Baden.
Mit dem Beginn der Nationalsozialistischen Diktatur 1933 wurde nämlich die weitere Übernahme des doch als allzu liberal empfundenen Buches untersagt.
Stattdessen gab es während des Kirchenkampfes im sogenannten „Dritten Reich“ einerseits Untergrundgesangbücher der Bekennenden Kirche – meist dünne Heftchen, gedruckt auf schlechtem Papier in irgendwelchen kleinen Privatdruckereien – und offizielle Bücher der Deutschen Christen – auf Büttenpapier, in Leder gebunden, teilweise farbig gedruckt. Die letzteren enthielten Lieder wie „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte“ und solche zu Führers Geburtstag. In den Vorworttexten tönt es dann auch schon einmal so:
„Wir singen das Lied der Väter. Wir singen Lieder der Zeit, aber wir singen deutsch, auch als Christen nur deutsch!“ (Bremisches Gesangbuch 1940).
Für Lieder der Bekennenden Kirche möge Jochen Kleppers „Er weckt mich alle Morgen“ stehen (EG 452) oder Rudolf Alexander Schröders „Es mag sein, dass alles fällt“ (EG 378).

Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Zeit endlich reif, die inzwischen beinahe anderthalb Jahrhunderte alte Vision eines einheitlichen Gesangbuchs in die Tat umzusetzen.
Es entstand das EKG, das Evangelische Kirchengesangbuch, das Sie vermutlich alle noch in Erinnerung haben. 1945 bis 1948 wurde mit großem Eifer unter schwierigsten Umständen daran gearbeitet, denn der Bedarf war gewaltig – gerade auch bei uns in Baden, wo ja immer noch das letzte Gesangbuch aus großherzoglicher Zeit von 1883 verwandt wurde – z.T. mit verklebten Seiten der Lieder zu den Geburtstagen der fürstlichen Familie.
Deshalb wurde das EKG bei uns schon 1951 eingeführt, ab 1966/7 galt es dann EKD-weit flächendeckend, als auch das Rheinland es in Gebrauch genommen hatte. Ein gewaltiger Schritt – wenn auch nicht wirklich ein überkonfessionell-ökumenischer, wie von Arndt einst erträumt.
Die Liedauswahl des EKG war stark geprägt vom Rückblick auf die Zeit der Reformation und vom Erlebnis des Kirchenkampfs; es wies einen Stammteil und einen Regionalteil auf; die Kirchen im Osten Deutschlands, in der „Zone“, waren mit angebunden; liturgisch war es vorsichtig konservativ, auf Einheitlichkeit ausgerichtet – was angesichts der enormen Umwälzungen und Veränderungen z.B. der Gemeindestrukturen durch Zuzug der Flüchtlinge verständlich ist.

Es dauerte nicht lange, bis Kritik am EKG laut wurde – und zwar aus verschiedenen Lagern und unterschiedlichen Gründen:
Einige wünschten sich wegen der rasanten Entwicklung der Popularmusik gerade in den Fünfziger und Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mehr Berücksichtigung neuer Musik – etwa aus Amerika (Gospels, Spirituals, karibische Rhythmen…); andere mahnten interkulturelles Denken in Kirche an durch internationales Näherrücken und der Aufnahme fremdsprachigen Liedguts;
Musik wurde zunehmend als Indikator für Milieuorientierung erkannt, als Identifikations- und damit auch Abgrenzungsmittel; man forderte mehr Stilpluralität statt Fokussierung auf einen bildungsbürgerlichen Geschmack;
Die Ökumene erhält einen enormen Schub durch das 2. Vatikanische Konzil; viele wünschten sich einen Niederschlag dieser Öffnung auch im Liedgut. Kirchentage brachten der Entwicklung des Singens neue Impulse und neue Gottesdienstformen erforderten neue Musikstile (z.B. Zielgruppenandachten nach dem Vorbild der Gottesdienste in Taizé und anderswo);
Mit dem Musikgeschmack änderte sich auch die Art der Gemeindebegleitung (Lieder zur Gitarre, mit der Band begleitet usw. wurden gewünscht…; es kam geradezu zu einer „weg von der Orgel“- und „weg von den Kirchenchören“-Bewegung. Mehr Gemeindebeteiligung im Gottesdienst durch Kanons, Singformen etc. wurde gewünscht und man vermisste neue Themen in den Liedtexten (denken wir an die Themen der Friedensbewegung, des konziliaren Prozesses etc.).
Schließlich wurde das Singen gesamtgesellschaftlich immer mehr durch das Hören verdrängt (sicher mitverursacht durch den Fortschritt in der Medien-, Aufnahme- und Wiedergabetechnik, vermutlich aber auch durch den jahrzehntelangen eklatanten Missbrauch des gemeinschaftlichen Singens in totalitären Systemen (1933-1945 bzw. gar bis 1989).
Textlich unverständlich Gewordenes sollte „renoviert“ werden.

Die Kirchen reagierten darauf mit einer Reihe von Maßnahmen, wie z.B. Wettbewerben für neue Lieder wie etwa denjenigen der Evangelischen Akademie Tutzing, wodurch das das Neue geistliche Lied, entstand; für Baden müssen hier die Namen der Landeskantoren Martin Gotthard Schneider und Rolf Schweizer genannt werden; können wir uns noch vorstellen, dass das Lied „Danke für diesen guten Morgen“ sich 1964 wochenlang auf Spitzenplätzen der Hitparaden hielt? In Kirchentagsliederheften wurde neues Liedgut aufgenommen, und ökumenische Lieder (z.B. EG 266 Der Tag mein Gott) wurden ebenso berücksichtigt wie Kanons und Gemeindesingformen. Für Unterrichtszwecke wurden neue Lieder geschaffen (z.B. EG 314 Jesus zieht in Jerusalem ein und schon bald entstanden Ergänzungshefte zum EG (Anhang 71 und Anhang 77).
Mit den Vorbereitungsarbeiten zum EG wurde auch das Einrichten neuer und älterer Lieder für neue Begleitformen (Gitarre, Bandarrangements) sowie die Bereitstellung zahlreicher Hilfsangebote wie Handbücher, Arbeitshilfen usw. vorangetrieben. Textliche Veränderungen wurden vorgenommen, wobei manches gut gelungen scheint, manches aber doch auch theologisch problematisch bleibt.

Als die nächste gründliche Gesangbuchrevision anstand, war die Notwendigkeit deutlich, alles Neue mit hineinzunehmen, aus dem EKG ein Lebensbuch zu machen… Der Wegfall des „K“ signalisiert das klar. „EG“ – Evangelisches Gesangbuch sollte das neue heißen.
Erstmals war der Entstehungsprozess grundsätzlich demokratisch (Strichlisten wurden geführt – und gefälscht -, um Prioritäten zu erfahren; die Liedauswahl sollte ein reelles Abbild der Wirklichkeit sein…). Unzählige Sitzungen unzähliger Gremien begleiteten den Prozess.
Am 1. Advent 1995 wurde es bei uns eingeführt – zeitgleich mit neuer badischer Agende

Damit wären wir in der Gegenwart angekommen. Gesangbuchgeschichte ist ein unerhört spannendes Thema ist, finde ich; und sie ist keineswegs beendet.
Wie das ergänzende Liederheft „Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder“, gemeinsam herausgegeben von den Landeskirchen in Württemberg, der Pfalz, Elsass-Lothringen und Baden, (2005) zeigt, bedarf es immer wieder der Aktualisierung und Ergänzung des Liedbestandes.
Diesem Umstand tragen neue Gesangbucheditionen Rechnung.
So hat auch das Liederbuch „freiTöne“ zum Reformationssommer 2017, herausgegeben zum Deutschen Evangelischen Kirchentag durch die EKD, weite Verbreitung gefunden.

Wie wird es weitergehen?

Ein neues EG ist zwar noch nicht in Sicht, ergänzende Bücher aber gibt es durchaus – wie aufgezeigt. Derzeit arbeitet eine Kommission mit Vertreterinnen und Vertretern der Landeskirchen Württemberg, der Pfalz, Elsass-Lothringen und Baden an einem Ergänzungsheft zum EG.
Ich will nicht zu viel verraten, darf Ihnen aber versichern, dass wir es mit einer sehr ansprechenden und qualitativ hochwertigen, dazu noch textlich und muskalisch hochaktuellen Edition zu tun haben werden. Für die Einführung flankierende Maßnahmen wird es in allen Teilen unserer Landeskirche geben. Gespannt dürfen wir sein!

Solange es christliche Gottesdienste gibt, dessen dürfen wir gewiss sein, wird auch der Gesang erklingen zur Ehre Gottes – ganz gemäß der biblischen Weisung des Psalms (Ps. 98, 1):
„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“

Singen wir nun noch miteinander das „neueste“, das jüngste Lied im EG: 395 Vertraut den neuen Wegen. Es enstand in der vorliegenden Form zu den Friedensgebeten um die Montagsdemonstrationen in Leipzig 1989.

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